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Christian Weisflog - tagtдglich.

20.05.2007

EU-Russland-Gipfel in Samara: Der EU-Russland-Gipfel in Samara brachte keine Resultate in Form von unterzeichneten Verträgen oder anderen substantiellen Verhandlungsergebnissen, trotzdem klärte der ehrliche Meinungsaustausch zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin einige bisher offene Fragen. Die Pressekonferenz im frisch renovierten Sanatorium an der Wolga war, das muss man so sagen, ein Spektakel. Wann haben sich Staatsoberhäupter wohl schon mal so deutlich die Meinung gesagt? Ich kann mich nicht erinnern. Auch die letzten Zweifler können sich nun endlich sicher sein: Der russische Präsident ist kein lupenreiner Demokrat. Auf die Frage eines deutschen Journalisten, ob er sich als solcher sehe und auch als solcher gesehen werden wolle, antwortete er: „Gibt es reines Wasser, gibt es reines Blut, gibt es reine Deutsche, reine Russen? Wie man bei uns sagt, wenn man an einem Russen kratzt, kommt ein Tatare hervor. Und was ist das, eine reine Demokratie? Haben Sie sie irgendwo gesehen?“ Auf praktisch jede kritische Frage antwortete Putin nach dem bekannten Muster: „Aber ihr doch auch. Was kritisiert ihr denn uns, die Amerikaner sind doch viel die Böseren.“ Dabei liebt es der russische Präsident geradezu Birnen und Äpfel miteinander zu vergleichen. So etwa das Vorgehen der deutschen Polizei gegen die Antiglobalisten und jenes der russischen Sicherheitskräfte gegen die Kreml-kritische Oppositionsbewegung „Das andere Russland“. Dabei kämpfen die einen und die anderen mit ganz unterschiedlichen Methoden und für völlig unterschiedliche Ziele. Das andere Russland kämpft für fundamentale Menschenrechte, für freie Meinungsäusserung, für faire und freie Wahlen. Dieses Recht ist den Antiglobalisten bereits gegeben, sie können ihren Anliegen durch Stimmabgabe Ausdruck geben, indem sie zum Beispiel die Grünen wählen. Ihre Stimme wird gezählt und schlägt sich in der realen Politik nieder. Für die russischen Bürger ist dies ein ferner Traum, an den die meisten leider nicht mehr glauben. Und während sich Angela Merkel hinter das Vorgehen der deutschen Polizei stellte, distanzierte sich Putin davon: „In den meisten Ländern setzen die Rechtsschutzorgane ihre Mittel präventiv ein. Ist das gut oder schlecht? In den meisten Fällen sind sie nicht gerechtfertigt. Wir werden mit unseren Rechtsschutzorganen daran arbeiten.“ Damit wälzte Putin die Verantwortung für die Verhaftungen und Verhöre im Vorfeld der geplanten Oppositionskundgebung in Samara auf die russischen Sicherheitskräfte ab. Dies ist ein bekanntes russisches Antwortschema: „Habt Euch doch nicht so. Wir sind doch auf dem Weg zur Demokratie, aber das geht alles nicht so schnell nach 70 Jahren Kommunismus.“ Dass Putin die Verantwortung für die Verletzungen der Demonstrationsfreiheit den Sicherheitsorganen zuschiebt, bedeutet, dass er entweder nicht die Wahrheit sagt oder dass er tatsächlich nur eine beschränkte Kontrolle über sie verfügt. Leider sind die russischen Bürger derzeit nicht in der Lage, die vermischten Äpfel und Birnen wieder auseinander zu dividieren. Wie sollten sie auch? Die derzeitige Presselandschaft lässt keine kontroversen Diskussionen zu. Und die meisten Russen interessieren sich auch gar nicht für Politik. Das geht fast soweit, dass sie im Prinzip jede Diskussion darüber für sinnlos halten. Und andererseits ist die Stimmung im Land bereits soweit, dass jeder, der dagegen halten möchte, als Nestbeschmutzer gesehen wird. Und leider sind die Jugendlichen hier keine Ausnahme. Dies bestätigte mir eine kleine Umfrage in einem Park in Samara am Tag nach dem Gipfeltreffen. Ich sprach Studenten darauf an, wie sie Putin sehen und was sie von der Opposition halten. Die Antworten waren eindeutig: „Putin hat uns aus der Krise geführt. Wir unterstützen ihn und auch seinen Nachfolger. Denn das heisst, dass das Wachstum weiter geht.“ Dass die Berichterstattung der Medien nicht frei ist, sind sie sich entweder nicht bewusst oder aber es ist ihnen egal. Dass die Wahlen gekauft sind, wissen sie, aber auch das stört sie nicht. Dass die Anhänger des „anderen Russland“ aus Überzeugung auf die Strasse gehen, können sie sich gar nicht vorstellen. Die Erfahrung hat sie anderes gelernt: Demonstranten werden gekauft und darin sehen sie auch nichts wirklich Schlechtes. Studenten verdienen sich so eben ein Zubrot, reissen gegen Bezahlung Wahlplakate der Gegner runter oder verprügeln gar Aktivisten, die auf der Strasse Informationsmaterial verteilen. „1000 Rubel in drei Stunden, das ist leicht verdientes Geld.“ Im Prinzip sind die Studenten apolitisch und scheinen sich mit weiterreichenden politischen Überlegungen kaum zu beschäftigen. Ich habe mit den Studenten eine ganze Reihe von aktuellen Themen besprochen. So etwa das derzeitig gespannte Verhältnis Russlands zu den baltischen Staaten, zu Polen oder Georgien. Warum fällt es Russland so schwer, die eigene Schuld anzuerkennen und etwa Estland für die Okkupation nach 1945 um Entschuldigung zu bitten? „Sieger richtet man nicht, lautet bei uns die Redewendung“, so eine der Antworten. Es ist erschreckend, wie schlecht informiert die Jugendlichen sind und welche Gedankenmuster sie in ihren Köpfen tragen: Sie scheinen nicht in der Lage, die Schattierungen und Graustufen zu erkennen, ihre Welt ist schwarz und weiss. Sie werden leider viel zu wenig mit solch kritischen Fragen konfrontiert, wie ich sie ihnen gestellt habe. „Offenes Russland“, die Stiftung des ehemaligen Jukos-Eigners Michail Chodorkowskij, hatte im ganzen Land eine Art „Demokratieschulen“ eingerichtet. Dort sollten die Jugendlichen zum kritischen Denken erzogen werden. Doch wir kennen die Geschichte: Chodorkowskij ist im Gefängnis, seine Stiftung wurde in den Bankrott getrieben. Das kritische Denken, die Selbstreflexion wird im heutigen Russland unterdrückt, ja man will es geradezu im Keime ersticken. So erzählte mir eine Kollegin, die kürzlich ihren Studienabschluss an der Staatlichen Linguistischen Universität in Moskau gemacht hatte Folgendes: „Ich spürte während meines ganzen Studiums einen Mangel an Wissen. Zwei Jahre lang wollten wir deshalb einen Diskussionsclub gründen, aber die Leitung hat dies immer blockiert. Schliesslich erklärte uns der Leiter der Abteilung für Politik: Erst gründet ihr einen Debattierclub, dann startet ihr eine orangene Revolution.“ Wolkenlos war an diesem Gipfel deshalb nur der Himmel. Und eigentlich wären die Rahmengedingungen wie geschaffen gewesen für eine positive Atmosphäre. Das treffen fand in einem ehemaligen Sanatorium der Kommunistischen Partei am Ufer der Wolga statt, die hier zu einem riesigen See gestaut wird. Mit Tragflügelbooten wurden die Journalisten von Toljatti aus dorthin gebracht. Toljatti liegt rund 120 Kilometer Wolga-Aufwärts von Samara entfernt. Die Stadt wurde 1960 um die Lada-Fabrik herum gebaut. Eine typische Sowjetstadt: endlos breite Strassen und ein grauer Wohnblock nach dem anderen. Das Sanatorium aber wurde auf den Gipfel hin für rund 100 Millionen Euro umgebaut. Der Asphalt schien noch ganz frisch, die Rasenziegel wurden vermutlich erst einen Tag zuvor verlegt und im Konferenz-Zentrum lag der Duft von frischer Farbe in der Luft. Für das informelle Nachtessen bauten die Russen ein paar rustikale Holzhütten im Stile eines kleinen Fischerdorfes am Wolga-Ufer auf. Auch eine russische Sauna war vorhanden, diesmal blieb sie jedoch unbenutzt. Geradezu imperial war das Verhandlungsgebäude: Ein kreisrunder Saal mit viel Marmor, von Säulen gesäumt und mit einem Kronleuchter in der Mitte. Die Seite zur Wolga hin wurde ganz mit Glas verkleidet, sodass die Delegationen jederzeit freie Sicht auf das Wasser hatten. Übernachtet hatten die hohen Gäste schliesslich in fünf neu gebauten Villen, die aufgrund ihrer kitschigen Architektur und ihrem pastellfarbenen Anstrich irgendwie amerikanisch wirkten. Das Pressezentrum liess hingegen zu Wünschen übrig: 25 Computer und ebenso viele Arbeitsplätze standen für 400 Journalisten bereit. Wollten die Organisatoren damit vielleicht nochmals deutlich machen, wie wenig sie von den Medienvertretern halten?

25.05.2006

EU-Russland-Gipfel in Sotschi: Ich befinde mich gerade im Pressezentrum des EU-Russland-Gipfels. Wladimir Putin, Jose Barosso und Wolfgang Schuessel sind gerade beim Mittagessen. Deshalb habe ich nun etwas Zeit, bevor die abschliessende Pressekonferenz losgeht. Dann wird es wieder hektisch, weil die APA, die Austrian Press Agency, fuer die ich her arbeite, unbedingt die neusten News haben will. Sotschi ist ein Wundervoller Ort an der russischen Schwarzmeerkueste. Nur 40 Kilometer Autofahrt ins Hinterland und man steht am Fusse des Kaukasus. Die Berge erheben sich hier bis 2500 Meter hoch. Im 2014 will Russland hier in Sotschi Olympische Winterspiele durchfuehren. Bis jetzt ist Sotschi allerdings vor allem als Badeort bekannt. Alle Journalisten sind in einem eher mittelmaessigen Sanatorium im Sowjetstil untergebracht. In meinem Zimmer sind die Teppiche durchgelaufen, die Matratye durchgelegen und ueberhaupt haben Tueren und Moebel an allen Ecken und Enden Spuren der Abnuetzung. Toll ist jedoch der Meerblick aus dem 15 Stock von meinem Balkon. Der Gipfel findet in einem mondaenen Nobel-Sanatorium mit dem klingenden Namen "Rus" statt: Marmorboeden und wuchtige Saeulen im Stile des sowjetischen Klassizismus. Ich werde nach dem Gipfel noch bis Sonntag hier bleiben, um mich in der Gegend umzusehen. Entweder gehe ich nach Abchasien oder sehe mir Krasnaja Poljanja an, der Ort in den Bergen, wo die olympischen Spiele stattfinden sollen.

20.03.2006

Tag(i)-Traum geht zu Ende: Liebe Leser, liebe Freunde, lange Zeit hatte ich mir keine Zeit mehr genommen, um ein paar Zeilen auf meine Webseite zu stellen. Nun sitze ich in einem kleinen netten Kaffee in Minsk, Weissrusslands Hauptstadt, trinke einen „Latte“ und kann über einen Hot-Spot endlos und gratis mit meinem Notebook im Internet surfen. Gestern war ich auf dem Oktoberplatz, wo die Opposition zu Protesten gegen das Resultat der Präsidentschaftswahlen aufrief. 30 000 Leute kamen, heute soll es erneut Proteste geben. Mal schauen, ob die Bewegung Fahrt bekommt. Gestern schien es nicht so. Morgen fahre ich für drei Tage in den Süden von Weissrussland zur ukrainischen Grenze, um eine Reportage über die Folgen von Tschernobyl zu machen. Es ist nun ja 20 Jahre her seit der Katastrophe. Wie ihr seht, bin ich immer noch im Osten und Langeweile ist noch nicht eingekehrt. Deshalb werde ich wohl noch eine Weile bleiben. Fast hätte ich mich für vier Jahre oder gar noch mehr an den Tages-Anzeiger verkauft, doch am Ende habe ich die Korrespondenten-Stelle in Moskau, die ab Juni neu besetzt wird, doch nicht erhalten. Ich war unter den letzten drei Kandidaten für den Job. „Zu wenig Erfahrung im Tagesjournalismus“ hiess es am Ende, obwohl sie mein Potenzial anhand meiner Arbeiten als gross einschätzten, wollten sie das Risiko nicht eingehen, dass ich der Aufgabe vielleicht doch nicht gewachsen sein werde. Das Leben geht trotzdem weiter. Und wie: Anfang März war ich in Kambarka, in der Republik Udmurtien, am Westfuss des Urals, um der Eröffnung eines Chemiewaffenvernichtungswerks beizuwohnen, das mit massgeblicher deutscher Hilfe erstellt wurde. Auch die Schweiz hat sechs Millionen Euro beigetragen. Danach reiste ich in die Hauptstadt Udmurtiens, Ischewsk, die Heimat von Michail Kalaschnikow. An den berühmten Waffenkonstrukteur bin ich leider nicht heran gekommen. Er ist mittlerweile 86-jährig und hat mit Journalisten viele schlechte Erfahrungen gesammelt: „Liesst meine Bücher, da steht alles drin“, ist seine Devise. Dafür lernte ich seine Archivarin kennen, die mir auch vieles Interessantes erzählte. Den Artikel zu Kalaschnikow werde ich in kürze auf die Seite stellen. Wer es noch nicht weiss: Seit dem 1. September habe ich in Moskau eine eigene kleine Einzimmerwohnung mit Blick auf das Aussenministerium und den Kiewer Bahnhof. Ein ausziehbares Sofa ist ebenfalls vorhanden. Wer also Lust auf den Osten verspürt, ist jederzeit willkommen.

26.09.2005

Auf Reisen: Letzte Woche ging eine rege Reisezeit für mich zu Ende. Ich war Ende August in der Wolga-Stadt Kasan zu den 1000-Jahr-Feierlichkeiten, dann in Berlin für die Journalisten-Konferenz Ost-West und schliesslich in Nowosibirsk und im Altai für eine Recherchereise zur Zedernussernte. Letztes Wochenende habe ich Marion besucht in Ivanowa, die dort für einen Monat an der Uni ihr Russisch aufbesserte. Marion habe ich bereits letztes Jahr in Moskau über meine Russischlehrerin kennen gelernt. Es war eines dieser seltenen Wochenende, an denen ich keine Artikel schrieb. Aber von Anfang an: Kasan, die Hauptstadt der Republik Tatarstan wurde dieses Jahr 1000 Jahre alt. Dies haben Archäologen herausgefunden, nachdem sie endlich innerhalb der Kreml-Mauern graben durften. Aus dem Durchschnittsalter der gefundenen Fundstücke wurde schliesslich der Geburtstag der Stadt bestimmt. Während der Sowjetzeit waren Grabungen im Kreml verboten. Nun aber, nach 1990 durften die Tataren nach ihrer Geschichte forschen. Das Resultat: Kasan ist viel älter als bisher angenommen. Bereits vor rund 30 Jahren wollte die Stadt einen historischen Geburtstag feiern - ich glaube so ungefähr ihren 600 oder so. Aber damals sagte die Akademie der Wissenschaften "njet" - zu wenig Beweise. Nun schliesslich hat es geklappt. Aber das ganze war wohl auch ein politischer Entscheid. Denn wenn eine Stadt Geburtstag hat in Russland, bedeutet dies, dass aus Moskau Gelder fliessen, die sonst nicht fliessen würden, um die Stadt schön herzurichten. Der Tatarische Präsident Mintimer Schaimijew gilt als einer der aufmüpfigsten und einflussreichsten Gebietsoberhäupter in Russland und die Einwilligung zur Geburtstagsfeier aus Moskau war wohl auch eine Geste, um die separatistischen Geister in Kasan zu besänftigen. Dabei gäbe es andere Regionen in Russland, die die Gelder wohl nötiger hätten. Tatarstan gilt als Reiche Region, die allerdings sehr stark von ihren Öl- und Gasvorkommen abhängt. Allerdings flossen die Gelder aus Moskau, die eigentlich gesprochen waren, dann doch nicht so flott. Es kam zu grossen Verzögerungen und vieles wurde im letzten Moment hergerichtet. Bei den hinteren Tribüneneingängen zum zentralen Stadion, in dem die Schlussfeier stattfand, fehlte noch das Licht, die Treppen befanden sich noch im Rohbau, an den Ziegelsteinmauern fehlte noch der Verputz und die Schilder mit den Beschriftungen für Tribünennamen und Platznummern standen teilweise noch am Boden, statt an der Wand zu hängen. Die Stadt erhielt neue Strassen, einen neuen Park, eine neue, schneeweisse Moschee mit himmelblauer Kuppel und ebenso knallig blauen Türmchen. Zudem eine neue Eishalle, eine riesige neue Basketball-Halle, ein neues Konservatorium und eine neue Pferderennbahn, mit geschlossener Tribüne. Hier werden die VIP-Gäste in Zukunft in schönen Logen Kaviar essen und Champagner schlürfen. Vor allem aber erhielt Kasan, das rund 1,2 Millionen Einwohner zählt, eine Metro. Doch weil sich der Untergrund von Kasan als sehr schwierig erwies, verzögerte sich der Bau. Zum Jubiläum hin konnte immerhin eine Linie mit fünf Stationen eröffnet werden. Alle erzählen sich in Kasan nur einen Witz: "Wir haben die U-Bahn gebaut, weil wir ins Guiness-Buch der Rekorde wollte. - mit der kürzesten Metro der Welt." Im Gegensatz zur sündhaft teuren Metro wurde ins Strassenbahnnetz keinen müden Cent investiert. Immer noch fahren urtümliche Strassenbahnen auf holprigen Geleisen durch die Strassen in Kasan. Und während die Touristen in einer Flotte von neuen koreanischen Cars von einer Feierlichkeit zu anderen gekarrt wurden, haben die Linienbusse in Kasan bereits einige Jahrzehnte auf ihrem Buckel. Auch architektonisch wurden einige Sünden begangen. Im Prinzip hat sich im Verleich zur Sowjetzeit, abgesehen vom Baustil, wenig verändert. Ansonsten gehen die Behörden mit derselben Radikalität zur Sache. Ganze Quartiere mit historischen Holzhäusern im Stadtzentrum wurden einfach ausradiert. Hier stehen neue Wohnhäuser für betuchte Mieter bereit. Teilweise wurden neue Häuser in altem Barock-Stil gebaut. Teilweise erinnern solche Bauten irgendwie an Disneyland. Es ist keine eigenständige Architektur, sondern es handelt sich um eine Kopie eines Baustils, wie er vielleicht vor 200 Jahren in Europa verbreitet war. Die Feierlichkeiten waren überschattet von der Angst vor Terroranschlägen. Putin war auch zu Gast. Das hiess, jede 100 Meter ein Polizist auf beiden Strassenseiten und in der ganzen Stadt. Selbst in den Vorgärten sassen die Milizionäre. Und auf den Dächern hielten Scharfschützen Ausschau. Immer und immer wieder Sicherheitskontrollen, Rucksack auf und zu, Taschen geleert und so weiter. Als Putin weg war, kamen die Scorpions. Die Altrocker aus Deutschland wurden für das Eröffnungskonzert in der neuen Eishalle eingeladen. Sie spielten dort mit dem kasaner Kammerorchester. Seit ihrer Hitsingle "Wind of Change" sind sie in Russland wahre Stars, während sie in ihrer Heimat heute praktisch in Vergessenheit geraten sind und kaum mehr ernst genommen werden. In Russland aber, das zeigte allein das Interesse bei der Pressekonferenz, wird ihnen immer noch ungebrochenen Respekt gezollt. Bei der letzten Russland-Tour, welche die Band durch Sibirien führte, mussten sie einmal kurz auf einem unbedeutenden Flughafen im fernen Osten Sibiriens, irgendwo im Nirgendwo, zwischenlanden, um zu tanken. Doch selbst dort seien Fans aufgetaucht und wollten ihre Tonträger von den Scorpions unterschrieben haben, erzählt der Sänger Klaus Meine. Trotzdem der hier von mir aufgezählten Mängel, ist Kasan doch eine Reise wert, allein schon wegen der Wolga und dem weissen Kreml, der stolz über den Ufern des Flusses thront. Aber viel von der orientalischen Exotik, die der Stadt als Zentrum des russischen Islams nachgesagt wird, ist nicht beziehungsweise nicht mehr zu spüren. Das Interessanteste an meinem Kasan-Trip war aber eigentlich meine Begegung mit Ildar Chanow, einem Heilpraktiker, Künstler und Visionär. Er wohnt nur wenige Minuten von Kasan entfernt am Ufer der Wolga. Dort baut er an seinem Kindheitstraum - einem Haus aller Religionen. Es soll ein Kultur- und Begegnungszentrum werden. Der zentrale Raum wird der Sonnensaal sein. Rund um diesen Saal baut Ildar einen Raum für fast jede Religion. Geht es nach seinem Willen, werden sich hier einmal die Verteter aller Religionen treffen, um die Probleme der Welt und auch die Russlands zu besprechen. Denn Ildar meint, Russland brauche eine neue Idee. In Zukunft möchte er auch eine Schule aufbauen und ein Rehabilitationszentrum für Alkohol- und Drogensüchtige. Den Artikel über die Träume des Ildar werde ich in Kürze auf diese Webseite stellen. Von Kasan bin ich anschliessend praktisch direkt nach Berlin gereist, an die Jouralistenkonferenz Ost-West. Über 100 Journalisten, die sich mit Mittel- und Osteuropa beschäftigen kamen zusammen. Es war eigentlich das erste Mal, das ich in Berlin war. Und ich finde, sie haben das wirklich sehr schön gemacht. Auch die neuen Bauten zeichnen sich durch eine vielfältige Architektur aus, deren Mischung ein sehr harmonisches Bild gibt. Auch das oft kritisierte Holocaust-Denkmal gefiel mir sehr gut. Auch wenn es lange und fast endlos diskutiert wurde, so hat diese Diskussion doch etwas gebracht. Sie hat etwas Eigenständiges, etwas Anderes und etwas Spezielles, vielleicht auch etwas Gewagtes und vor allem aber etwas Stimmiges hervorgebracht. Kaum wieder zurück aus Berlin, flog ich nach Nowosibirsk. Die Reportage dazu werde ich wahrscheinlich morgen auf diese Seite stellen. Ich verfolgte im Altai die Ernte der Zedernüsse, die Samen der sibirischen Zeder. Der Baum, der eigentlich eine Kiefer ist, aber auf russisch "Kedr" heisst, gilt den Einheimischen als heiliger Baum und seine Nüsse bestehen fast nur aus ungesättigten Fettsäueren, sollen vor Herzinfarkt, Allergien bis zu Potenzstörungen schützen. Am meisten beeidruckt hat mich dabei die Begegnung mit Trofim Kowjasin und seiner Frau Galina. Der 77jährige ehemalige Lehrer und seine Frau haben letztes Jahr ihre goldenen Hochzeit gefeiert. Sie leben in einem 200-Seelen-Dorf im Altai, unweit von China, der Mongolei und Kasachstan. Das Altai-Gebirge ist ein Ausläufer des Himalajas. In dem kleinen Dorf namens Kujus sind alle Selbstversorger, leben von ihrem kleinen Garten, den Hühnern und der eigenen Kuh. Hier wird die Butter noch selbst gestampft. Die Menschen leben in kleinen Holzhäusern. Manche haben im Garten noch das traditionelle achteckige Holzhaus der Altaier stehen, indem sie aber nur im Sommer wohnen. Krumme Gartenzäune, morsche Holzbauten und holprige Strassen, auf denen sich Schweine und Hühner tummeln, prägen das Dorfbild. Doch trotz dieser offensichtlichen Armut, erweist sich Trofims Hinterhof als ware Schatzkammer. Hier hütet er über 70 Bienenvölker, die er selbst aus nur einem Volk herangezüchtet hat. Für jedes Volk hat er ein einziges kleines Häusschen gebaut. Er zeigt mir alles ganz offen, winkt mich zu sich in die Stube. Dann öffnet er das Fenster und ruft seine Frau herbei: "Sie müssten erzählen, mein er zu ihr." Sein durch und durch weisser Akazien-Honig schmeckt hervorragend. Genauso wie seine Äpfel. Normalerweise wachsen in den russischen Gärten nicht besonders schöne Fruchte, sie sind meist von Würmern angefressen und die Äpfel sind oft mehlig. Doch nicht jene von Trofim. Sie sind knackig und auch äusserlich mackellos. Eine Spezialität sind seine Honigäpfel - kleine, aber sehr süsse Äpfel. Gern hätte ich noch länger mit den beiden geplaudert, aber leider reichte die Zeit nicht. Mehr zum Altai und zur Zedernuss folgt in der Reportage.

31.07.2005

Update und St.Petersburg: Viel Zeit ist vergangen seit meinem letzten Tagebucheintrag und einiges hat sich inzwischen auch verändert. Gleich geblieben ist allerdings mein Wohnort. Nachdem ich im Mai einen Monat durch Zentralasien reiste, habe ich am 1. Juni bei der Moskauer Deutschen Zeitung eine Stelle als Redakteur angenommen. Ich bin nun dafür verantwortlich, was bei uns auf die Seiten „Regionen“ und „Russland heute“ kommt. Ab und zu mach ich auch eine Seite zum Thema „Umwelt“ oder „Religion“. Bereits drei Nummern sind unter meiner Beteiligung erschienen. Die nächste wird am 10. August erscheinen. Die Ausgabe von Ende Juli ist wegen Redaktionsferien ausgefallen. Die freie Zeit habe ich genutzt, um nochmals intensiv Russisch zu lernen und für einen Ausflug nach St.Petersburg. Eigentlich wollte dort ursprünglich einen Freund besuchen, den ich letztes Jahr am Russicum in Bochum kennen gelernt hatte, als ich dort meine ersten Russischwörter lernte. Doch der musst dann in dieser Zeit geschäftlich nach Moskau. Eigentlich hatte ich meine Pläne dann bereits vollständig geändert und wollte eher Richtung Süden – Wolgograd, Astrachan – fahren. Doch mein Schicksal wollte wohl, dass ich nach St.Petersburg fahre. Denn Mitte Juli mailte mich Anke Nowottne an, die meinen Artikel zu Abramowitsch gelesen hatte. Die deutsche Fotografin und Abgängerin der Zürcher Kunsthochschule will nach Tschukotka, der nördlichste Zipfel Sibiriens, fahren, wo Abramowitsch als Gouverneur regiert. Anke hat auch ein Jahr in St.Petersburg studiert, wo sie auch ihren russischen Freund Alexej kennen gelernt hat. Zusammen mit ihm hat sie im letzten Oktober einen Waschsalon in St.Petersburg aufgemacht, der aber auch ein Café ist. Für 100 Rubel (3 Dollar) kann man bei ihr 5 Kilogramm Wäsche waschen und einen Kaffee trinken. Mit dem Laden will Sie nicht primär Geld verdienen, nein, er sollte vielmehr ein Kunstobjekt sein. Zu diesem hat sie ihn zumindest erklärt und konnte sogar ihre Professoren davon überzeugen, die das Konzept als ihre Diplomarbeit akzeptierten. „Kunst beginnt mit Kommunikation“, meint Anke und es sei ihre Herausforderung gewesen, ihre Professoren davon zu überzeugen, dass ihr Waschkaffee ein Kunstobjekt ist. Wie dem auch sei, Anke meinte auf jeden Fall, ich solle sie doch einmal in St.Petersburg besuchen und so tat ich das dann auch: letzte Woche von Dienstag bis Samstag. Ich bin froh, dass ich gefahren bin, Anke getroffen habe und einen weiteren interessanten Menschen kennen lernen durfte. Auch die Stadt hat mir sehr gut gefallen und ich weiss nun: St.Petersburg und Moskau sind zwei verschiedene Paar Schuhe. „Piter“, wie die Russen die Stadt an der Niewa liebevoll nennen, ist viel gelassener und entspannter, einfach auch harmonischer. Mit all seinen Palästen, Pärken, Flüssen und Kanälen ist es eine einzige Flanierstadt. Zumindest im Sommer. Ich hatte auch das Gefühl, dass die Stadt und ihre Menschen offener gegenüber Besuchern sind. Nun bin ich aber wieder zurück in Moskau und ich werde hier wohl auch noch mindestens ein Jahr, vielleicht auch zwei bleiben. Wenn ich denken, dass ich erst 8 Monate hier bin und was sich in dieser Zeit alles getan hat, bin ich selbst etwas erstaunt. Ich kam praktisch ohne Russischkenntnisse als Praktikant hierher. Nun ist mein Russisch schon ganz ok, ich arbeite als Redakteur, arbeite für das Korrespondenten-Netzwerk „n-ost“ und seit kurzem auch für die Österreichische Nachrichtenagentur (APA). Ich hoffe, dass ich in der Zeit, in der ich noch in Russland bin, möglichst viel von diesem Land zu sehen kriege. Allerdings, das muss ich auch zugeben, so richtig verliebt habe ich mich in Russland nicht. Und ab und an vermisse ich die Schweiz, die Berge, die Schoggi und den guten Wein natürlich. Vor allem aber auch meine Freunde und insbesondere das dienstagabendliche Fussballspiel im Seefeld. Aber den Entscheid, den nun gewählten Weg zu gehen, den Bereue ich überhaupt nicht. Gerade, wenn ich bedenke, wie viele verschiedene und interessante Menschen ich hier bereits kennen gelernt habe.

30.06.2005

Drei Schweizer Bauern in Russland: Hanspeter Michel, Josef Lussi und Jakob Bänninger suchen ihr Glück im Osten.

Drei Schweizer Bauern – ein Berneroberländer, ein Innerschweizer und ein Zürcher – suchen ihr gemeinsames Glück in Russland – fernab von Milchkontingenten und Direktzahlungen: Seit Hanspeter Michel aus Bönigen, Josef Lussi aus Ennetmoos und Jakob Bänninger aus Attikon den 300-Hektar-Betrieb mit 100 Kühen vor einem Jahr übernommen haben, geht es auf der ehemaligen Sowchose bei Kaluga, drei Autofahrstunden südwestlich von Moskau, aufwärts. Das Interesse in der Heimat für die drei Exoten ist groß. Dieses Jahr pilgerten noch mehr Schweizer Bauern nach Osten, um sich den Betrieb „Schweizer Milch“ anzuschauen, und das Schweizer Fernsehen dreht zurzeit einen Dokumentarfilm über die abenteuerlustigen Eidgenossen.

Auf einer kleinen Anhöhe schweift der Blick über endloses, in lange flache Wellen gelegtes Grasland. Nur ab und an verstellen Birkenwälder die ungestörte Sicht. Hier, irgendwo in den fremden russischen Weiten, liegt der vertraute Duft von getrocknetem Gras in der Luft. Auf dem riesigen Feld ziehen sich die Heuwalme fast bis zum Horizont. Am blauen Himmel, knapp über dem Kopf, ziehen Blumenkohlwolken im Tiefflug vorbei – getrieben von einer angenehmen Brise, welche die Halme am Boden in kurzer Zeit trocknen lässt. Einzig Motorenlärm stört die Idylle: Mit aus dem Westen importiertem Traktor und Maschine presst Wladimir das Heu zu großen runden Ballen. Dahinter flitzt Jakob Bänninger auf einem roten Kleintraktor über das Stoppelfeld, spießt die gepresste Ware auf und verfrachtet sie gekonnt auf einen mitfahrenden Wagen, der von einer ungeheuren russischen Maschine mit dicken Rädern und stumpfer Nase gezogen wird. Am Steuer sitzt Andrej, der Vater von Hanspeter Michels neuer russischer Freundin Julia. Die drei Schweizer nennen ihn liebevoll „Schwiegerätti“ (aus dem Berndeutschen für Schwiegervater). Seit fünf Jahren arbeitet der kleine drahtige Mann als Traktorfahrer auf dem Betrieb, seine Tochter seit drei Jahren in der Milchverarbeitung. Der in Kasachstan geborene Weißrusse scheint das Herkunftsland seiner Vorgesetzten bereits ins Herz geschlossen zu haben: „Hopp Schwiiz“ steht auf seiner roten Mütze mit weißem Kreuz. Er sei zufrieden. Es gebe Arbeit und die Löhne würden bezahlt: „Man muss nirgendwo anders hingehen“, sagt Andrej. Nur in die Schweiz, dort will er hin reisen, um die „Westtechnik“ zu erlernen.

In der Schweiz fehlen die Möglichkeiten

Mitten im Motorenlärm, zwischen Rundballen und Heuwalmen, ist auch die Film-Crew des Schweizer Fernsehens unterwegs, um Jakob Bänninger bei der Feldarbeit zu begleiten. „Was geht dir bei der Arbeit auf dem großen Feld durch den Kopf? Warum bist du nach Russland gekommen? Kannst du dir vorstellen, hier begraben zu werden?“, will die Regisseurin Helene Stehli-Pfister vom 58-jährigen Landwirt erfahren. Aber bereits das Funkeln in den aufgeweckten blauen Augen und das stete Schmunzeln auf den Lippen des ehemaligen Oberleutnants der Schweizer Armee ist Antwort genug. Er habe den „Köbi“ noch nie so glücklich gesehen, sagt André Bourquin, der seinen ehemaligen Militärkameraden mit einer Reisegruppe in Russland besuchte. Der „Bänninger“ sei bereits in der Armee eine besondere Persönlichkeit gewesen. Alle seien für ihn gerannt, betont Bourquin. Er selbst, so Bourquin, wäre schon lange nach Kanada ausgewandert, wenn seine Familie nicht dagegen gewesen wäre. Der Bauer sei von Natur aus Unternehmer, aber in der Schweiz fehlten ihm die Möglichkeiten. Anderseits: „Das Land zu verlassen, ist für die erste Generation sehr schwierig. Das ist, wie wenn man einem Baum die Wurzeln abschlägt“, so Bourquin. „Jakob ist unser Tüftler, unser Kopf“, erklärt Hanspeter Michel. Er sei auch der geistige Vater des kleinen Hotels gewesen, das diesen Sommer noch fertig gestellt werden soll, um Agro-Touristen auf dem Betrieb zu empfangen, erzählt der 42-jährige Berneroberländer. Er selbst, so Michel, sei mehr für die Finanzen zuständig und dafür, die Arbeiter bei der Stange zu halten. Der Biobauer aus Bönigen erzählt gerne und ist immer für einen guten Spruch gut. „Ob man ihre Sprache spricht oder nicht, mit den Frauen gibt es immer Knatsch“, antwortet er auf die Frage, ob sein bescheidenes Russisch für seine Beziehung mit Julia nicht ein Problem darstelle.

Ein Wort ums andere

Einen Sprachkurs haben die drei nie gemacht. „Ein Wort ums andere“, sei ihre Lernmethode, meint Josef Lussi. Mit den Traktorfahrern könnten sie sich bereits ausreichend verständigen. Der wortkarge Innerschweizer scheint der ruhende Pol in der Mitte zu sein. Den Medienrummel mag der 40-Jährige nicht und bleibt lieber im Hintergrund. Kennen gelernt haben sich die drei in Herkunft und Charakter so unterschiedlichen Bauern auf einer von der Fachzeitschrift „Schweizer Bauer“ organisierten Lesereise nach Russland im Sommer 2003. Nach einem erneuten Russland-Aufenthalt im November desselben Jahres entschieden sie sich für den Betrieb „Schweizer Milch“, zirka 30 Kilometer westlich von Kaluga. Dieser wurde 1999 von der Schweizer Stiftung Kaluga, einem Projekt der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit (DEZA), gegründet und hat sich von da an mehr oder weniger über Wasser gehalten. Mit einem Kredit der Schweizer Organisation für Investitionshilfe SOFI kauften die Schweizer den Betrieb für rund 300 000 Dollar. Da Ausländer in Russland kein Land kaufen dürfen, pachten sie die zirka 360 Hektaren Land von der Schweizer-Stiftung. Auf 12 Jahre müssen sie der Stiftung jährlich 5 000 Dollar bezahlen, danach geht das Land entweder in ihren Besitz über oder sie können es zinsfrei weiter bewirtschaften.

Der Betrieb war bankrott

Am 1. Mai 2004 übernahmen sie die ehemalige Außenstelle einer Sowchose inklusive Maschinenpark, Angestellten und den rund 100 Kühen. „Auch die mit drei Beinen und ohne Kopf“, scherzt Michel. Der Betrieb sei bankrott gewesen und sie hätten nochmals so viel investiert, wie sie für alles bezahlt hätten, sagt Jakob Bänninger. Es gab nur wenig Futter, und die Maschinen waren alle reparaturbedürftig. Ein neues russisches Mähwerk haben sie gleich verkauft, da es gar nie funktioniert hat. „Jeder russische Traktor, der heute läuft, haben wir halbiert und wieder zusammengesetzt“, betont Michel. Die Reparaturen nahmen mehr Zeit in Anspruch als die Feldarbeit und manchmal musste selbst das Werkzeug zuerst hergestellt werden, um eine Maschine zu reparieren. „Die aus dem Westen importierten 25-jährigen Traktoren sind in einem besseren Zustand als die 5-jährigen russischen“, so Bänninger. In diesem Jahr führten sie mit zwei Lastwagen Maschinen aus dem Westen ein. Der Platz vor der Werkstatt sei nun fast schon verwaist, erklärt Bänninger zufrieden. Einen großen Anteil daran hat auch der Landmaschinenmechaniker Florian Reichlin, der diesen Sommer als Praktikant auf der Farm arbeitet. Einziges Problem sind nun noch die schwer zu kriegenden Ersatzteile für die Westtechnik.

Milchleistung verdoppelt

In nur einem Jahr haben die drei Schweizer den Betrieb auf den Kopf gestellt und durch eine bessere Fütterung die tägliche Milchleistung von knapp 1 000 auf gegen 2 000 verdoppelt. Keine Kühe im Gebiet Kaluga geben so viel Milch wie die der Schweizer. Und immer noch haben sie 600 Heuballen aus dem letzten Jahr an Lager. Schwierig gestaltet sich hingegen die genetische Veränderung des Viehbestandes. In Russland ist es nicht einfach, gutes Vieh zu finden. Die Distanzen sind zudem weit und die bürokratischen Hürden hoch. Der Import aus der Schweiz ist immer noch verboten und auch die Sperma-Einfuhr ist kaum möglich. „Wir kämpfen wie verrückt“, sagt Michel. Man müsse aber auch aufpassen, was man macht, gibt Lussi zu bedenken. Die russischen Kühe seien gut zu Fuß und unkompliziert beim Abkalbern. Das richtige Saatgut zu finden ist ebenfalls eine Knacknuss: „Man weiss erst im Herbst, was man hat“, meint Bänninger. Aber der Tüftler scheint ein gutes Händchen dafür zu haben. Ein bisschen aussortiert haben die drei Bauern ebenfalls bei den Angestellten. Nur den Direktor sind sie noch nicht losgeworden. Denn der kennt die Leute und den russischen Bürokratie-Dschungel. Heute arbeiten rund 40 Personen auf dem Betrieb: Drei Brigaden im Stall mit je drei Personen, vier Brigaden in der Milchverarbeitung mit je zwei Personen, sieben Traktoristen, drei Chauffeure, eine Zootechnikerin und Verwaltungspersonal. Die Brigaden arbeiten bisher noch nach sowjetischem Schema jeweils in 24-Stunden-Schichten und haben nach der Arbeit zwei oder drei Tage frei. Dies soll geändert werden. „Die Melkerinnen sollten ein paar Tage hintereinander arbeiten, damit sie auch Veränderungen beim Vieh feststellen können“, argumentiert Bänninger.

Kein Gefühl für Tiere Die Zusammenarbeit zwischen Schweizern und Russen ist nicht immer einfach, aber sie funktioniert: „Die Russen denken nur bis zum Nasenspitz“, meint Bänninger und fügt an: „Sie haben kein Gefühl, sowohl für die Maschinen als auch für die Tiere. Tiere sind für sie nur eine Ware.“ Es sei auch kein Nachwuchs in Sicht. Selbst die Jungen möchten nicht lernen - nur der Lohn sei ihnen wichtig, so Bänninger. Einmal dürfe man laut werden, aber man müsse aufpassen, dass es ihnen nicht ganz ablöscht, erklärt Michel. Rassismus gebe es allerdings gegen sie als Ausländer nicht. Die Menschen zeigten sich eher interessiert. Der Erfolg hat auch seine Schattenseiten: Erste Absatzprobleme treten bei der Milch auf, die direkt auf dem Hof pasteurisiert und verpackt und danach in das nahe gelegene Towarkowa und nach Kaluga geliefert wird. Um die Milch bis nach Moskau zu transportieren, müsste sie homogenisiert werden. Zudem muss man in Russland die richtigen Leute kennen, um mehr Milch verkaufen zu können. „Wir arbeiten daran“, verspricht Michel. Vorerst aber muss das Hotel und der neue Stall fertig gestellt werden, der für 300 Kühe Platz bieten soll. Die Brüder von Josef Lussi – Toni und Martin – sind Ende Juni für zwei Wochen nach Russland gereist, um beim Stallbau zu helfen. Toni – ein gelernter Zimmermann – hat den Stall selbst geplant und gezeichnet. Das Hotel mit russischer Sauna und Swimmingpool soll in Zukunft 20 bis 25 Gästen Platz bieten.

„Hier lebe ich sehr intensiv“

Auf die Frage, ob sie es bereut hätten, nach Russland zu kommen, schütteln alle drei den Kopf. Vielleicht hätten sie mit dem Kauf etwas zuwarten sollen, bis der Dollar weiter gefallen war, meinten sie scherzhaft. „Ich hätte in der Schweiz auf meinem 16-Hektaren-Betrieb noch 25 Jahre bis zur Pension arbeiten können. Aber das kann im Leben doch nicht alles gewesen sein“, erklärt Michel und fügt an: „Hier lebe ich sehr intensiv.“ Jakob Bänninger ist sich allerdings nicht sicher, ob er sich auf dem kleinen, nahe gelegenen Friedhof unter russischen Birken begraben lassen möchte. So weit habe er noch nicht gedacht. Aber für solche Gedanken fehlen ihm und seinen Kollegen im Moment auch die Zeit. Denn gemeinsam mit René Meier, ein Lebensmittelingenieur und ehemaliger Nestlé-Mitarbeiter, haben sie Großes vor: Mit ihm haben sie die Firma Kagroma gegründet, in deren Rahmen sie unter anderem den Agro-Tourismus entwickeln sowie in den Sperma- und den Maschinenhandel einsteigen wollen. Zudem möchten sie auswanderungswillige Bauern beraten, die auf ihrem Hof erst einmal ein paar Wochen russische Luft schnuppern können. Sie glauben an Russland als zukünftiges Einwaderungsland für Schweizer Bauern: „Die Schweiz hat zu wenig Land und zu viele Bauern. Russland hat jede Menge Land und keine Bauern“, betont René Meier. Für einmal scheinen die Schweiz und Russland zwei Probleme zu haben, die sich perfekt ergänzen.

16.5.2005

Reportage zu Usbekistan: Christian Weisflog, Kara-Su / Jens Mühling, Moskau

Weit und breit sind keine Sicherheitskräfte zu sehen, alles scheint ruhig. Zwar haben viele Verkaufsstände aus Furcht vor Unruhen ihre Fensterläden geschlossen, aber trotzdem sind die Straßen voller Menschen. Am Wegrand stehen drei ausgebrannte Autowracks, einer davon ein Armee-Jeep. Kinder bestaunen die metallenen Kadawer und springen auf ihnen herum. Es sind bewegende Szenen, die sich derzeit in Kara-Su abspielen, einer kleinen Stadt an der kirgisisch-usbekischen Grenze. Als vor drei Jahren auf Geheiß des usbekischen Präsidenten Karimow zwei Brücken über den Grenzfluss Kara-Diara gesprengt wurden, war die Stadt im ethnisch durchmischten Fergana-Tal plötzlich in zwei Teile geteilt. Verwandte und Freunde konnten sich nicht mehr besuchen. Wer dennoch auf die andere Seite wollte, musste die Grenzer bestechen. Viele Menschen seien bei dem Versuch, den Fluss zu durchschwimmen, ertrunken, berichten Anwohner. Als dann die Nachricht von den Aufständen im unweit gelegenen Andischan eintraf, versammelten sich auch in Kara-Su die Menschen zu Demonstrationen. Spontan flickten sie eine der zerstörten Brücken, und jetzt liegen sich Menschen in den Armen, die sich teils seit Jahren nicht gesehen haben. Alle haben ein Lächeln im Gesicht, alle gehen aufrecht, aus ihren Augen spricht Stolz. Auch Achmedschan, ein alter Mann aus dem usbekischen Teil der Stadt, hat Tränen in den Augen. Stolz zeigt er seinen Ausweis: Heute ist sein 65. Geburtstag, und dank der Brücke kann er ihn mit seinen Verwandten in Kirgisien feiern. Nachdem die ersten Horrormeldungen aus Andischan eintrafen, machte die kirgisische Regierung sofort die Westgrenze nach Usbekistan dicht. Doch an der Brücke von Kara-Su herrscht Ausnahmezustand: Von Grenzern oder Sicherheitskräften keine Spur. „Sie sind weggerannt, sie hatten Angst“, sagen die Leute. Auf der usbekischen Seite hat sich ein paar hundert Meter hinter der Brücke eine Menschenmenge versammelt, es sind 1000, vielleicht 2000 Demonstranten. Ein Mann steigt auf eine improvisierte Rednertribüne. Sein Name sei Bachtijor Rachimow, sagt er, er sei ein „Vertreter des Volkes“. Mit seiner schwarzen Mütze und dem dichten Bart könnte er als Islamist durchgehen, aber in seiner Rede betont Rachimow, die Proteste hätten nichts mit Extremismus, Wahabismus oder Al-Quaida zu tun. Er ruft die Menge auf, das Gesetz des Korans zu befolgen: Es solle nicht getötet, es solle nicht zu den Waffen gegriffen werden. Dann fordert er die Menschen auf, mutig und einig zu sein: Usbekistan sei ein reiches Land, doch die Regierung gebe den Menschen nicht die Möglichkeit, die vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Deshalb stünden die Fabriken still, und die Menschen seien gezwungen, billige, ungesunde Produkte aus China zu kaufen. Am Ende seiner Rede tragen junge Männer ein Schild herbei, auf dem in roten Lettern der Rücktritt Karimows gefordert wird. In der Menge fangen die Menschen an zu diskutieren: „Die Grenze zu Kirgisien muss offen bleiben“, fordern sie, „es muss Arbeit geben, mit der Korruption muss Schluss gemacht werden.“ Eine aufgebrachte Frau ruft wütend: „Der Staat ist reich, aber das Volk ist arm und die Kinder hungern.“ Immer wieder beteuern die Menschen, sie seien keine Extremisten, was Karimow sage, sei alles gelogen. Ein Anführer oder eine Organisation, die hinter den Protesten steckt, ist nicht ausfindig zu machen. Es gebe keine Organisation, keine Partei, sagen die Menschen, es gebe nur das Volk: Das Volk habe sich erhoben. Als am Nachmittag der usbekische Präsident eine Fernsehansprache hält, versammelt sich alles vor den Bildschirmen. Erst spricht Karimow usbekisch, dann russisch – für die Journalisten. Er fordert alle Medienvertreter auf, nicht von „Aufständischen“ zu schreiben, sondern von „Banditen“. Er selbst sei in Andischan gewesen, um sich ein Bild von der Lage zu machen: Islamistische Fundamentalisten hätten versucht, inhaftierte Radikale aus dem Gefängnis zu befreien. Es sei Blut geflossen, aber inzwischen sei die Lage unter Kontrolle, versichert der Präsident. Karimow endet mit philosophischen Worten: Mit Verweis auf die kirgisische Tulpenrevolution vor wenigen Monaten vergleicht er die Situation in einem Staat mit der in einem Dampfkessel: Gelegentlich müsse Druck abgelassen werden, sagt Karimow, und wenn der Deckel zu fest geschlossen sei, dann könne der Kessel explodieren. Niemand versteht, was der Präsident damit sagen will. Andischan, die Stadt, wo alles anfing, ist seit zwei Tagen luftdicht versiegelt, sämtliche Journalisten wurden ausgewiesen. Allein ein Reporter des russischen „Kommersant“ schlüpfte durch die Kontrollen und berichtet in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung Entsetzliches. Noch immer seien die Straßen mit Leichen gepflastert, die Stadt werde nur mit massiver Militärpräsenz gehalten. Augenzeugen gingen von bis zu 2000 erschossenen Demonstranten aus, darunter Frauen, Kinder und alte Menschen. Nachdem die Menge auf dem zentralen Platz der Stadt sich auch nach Drohungen nicht aufgelöst hätte, habe die Miliz wahllos in die Massen gefeuert. Trotzdem werden die Demonstrationen in einigen Stadtteilen fortgesetzt, auch nachdem Sondertruppen des Innenministeriums alle Verwaltungsgebäude von den Rebellen zurückerobert haben. Noch ist unklar, was den Aufstand antreibt: Sind es spontane Erhebungen einzelner, regionaler Gruppen, oder steckt eine neue postsowjetische Revolutionsbewegung dahinter, so wie in Georgien, so wie in der Ukraine und zuletzt im usbekischen Nachbarstaat Kirgisien? Die Menschen von Kara-Su jedenfalls wollen ihre Proteste nicht nach Andischan tragen, und auch nicht in die usbekische Hauptstadt Taschkent: „Die haben dort andere Probleme“, glauben die Demonstranten.

10.5.2004

Reise Bischkek - Issik-Kul - Narin - At-Baschi - Tasch-Rabat: „Schon wieder ein Audi“, sagte ich zu meinem Fahrer „Kola“, nachdem uns zum wiederholten Mal ein Auto der Marke mit den vier Ringen entgegen gekommen war. „Ja“, meinte Kola, „Audis sind in Kirgisien sehr beliebt. Und erneut kreuzte uns ein Audi. „Gibt es bestimmte Gründe, warum der Audi in Kirgisien so beliebt ist“, fragte ich Kola darauf. „Die gibt es“, erklärte mir Kola: „Der Audi ist weich gefedert, ist geräumig, hält viel Gewicht aus, ist einfach gebaut und hat einen vernünftigen Preis. Der Audi, so sagen die Leute hier, wurde für Kirgisien gebaut.“ Kein Wunder also, ist der Audi auf den holprigen Strassen Kirgisiens neben dem alt bewährten Lada das am zweithäufigsten gesehene Fahrzeug. Natürlich nicht die neuen, windschnittigen Modelle mit den sanften Kurven, sondern die alten mit mehr Ecken und Kanten. In Bischkek, der Hauptstadt von Kirgisien, sind allerdings auch die neueren Modelle zu sehen. Auch Kola fährt einen Audi – einen knallroten. Mit ihm war ich vom letzten Samstag bis Montag drei Tage unterwegs. Ich bezahlte ihm dreissig Dollar pro Tag, das Benzin und Verpflegung. Wobei die Verpflegung mich eigentlich praktisch nichts kostete, weil wir die beiden Nächte bei Bekannten von Kola verbracht haben. Eigentlich wollte ich ja zuerst mit Mussa die Tour machen. Mussa ist wie Kola ebenfalls Taxifahrer in Bischkek. Mussa war mir irgendwie gleich sympathisch und wir unterhielten uns gut als er mich in Bischkek vom Zentrum zum Oschsker-Markt fuhr. Deshalb fragte ich ihn, ob er nicht ein paar Tage mit mir durch Kirgisien fahren möchte. Im letzten Augenblick kam ihm jedoch irgendein Problem dazwischen und so schlug er mir vor, doch mit Kola zu fahren. Ich liess mich darauf ein, obwohl ich Kola ja eigentlich gar nicht kannte. Ein kleiner Rest Misstrauen war in meinem Hinterkopf, aber es sollte alles gut werden. Kola war früher Busfahrer in Bischkek, doch die grossen Busse gibt es heute nicht mehr. Der Staat hatte wohl kein Geld mehr dafür und heute fahren daher nur noch die privaten Mikrobusse beziehungsweise die „Marschroutki“. Wie dem auch sei, Kola war auf alle Fälle ein guter Fahrer, der selbst auf den holprigen und schwierigen Strassen Kirgisiens ein ordentliches Tempo fuhr, so dass wir gut vorwärts kamen und ich viel zu sehen bekam. Trotz rasanter Fahrweise und notorischem Kurvenschneiden fühlte ich mich eigentlich nie unsicher. Bis auf einmal als uns ein Audi überholte, den Kola zuvor bereits seinerseits überholt hatte. Das konnte und wollte er sich nicht bieten lassen und so klebte er sich an das Arsch seines Widersachers und liess nicht los bis er ihn auf einer Geraden bergaufwärts überholen konnte. „Der hat einen schwachen Motor“, meinte er dann zu mir befriedigt. Kola schien das Fahren wirklich Spass zu machen, es war in seinem Blut. Unser erstes Ziel war der Issijk-Kul-See im Nordosten von Kirgisien – ein See so gross wie die Schweiz und umringt umsäumt von zwei Bergketten (Küngeij Alatau und Terskeij Alatau). Dank thermaler Aktivität und seinem leicht salzigen Wasser gefriert der See – dessen Namen übersetzt „Warmer See“ bedeutet – nie und sorgt für ein etwas milderes Klima. Wir verlassen Bischkek auf der Strasse Richtung Osten: Die asphaltierte Strasse franst links und rechts irgendwann ungleichmässig aus und geht in eine Staubpiste und noch etwas weiter draussen in einen Grassstreifen über. Bäume säumen die Strasse und bis weit ausserhalb Bischkeks ist ein kleines Haus neben das andere gereiht. Zu mindest habe ich das so in Erinnerung. Auf dem Grassstreifen weiden hin und wieder Kühe, Schafe oder Ziegen. Ab und an ist jemand am Strassenrand mit einem Pferd oder Fuhrwerk unterwegs. Kinder spielen an den Wasserpumpen, alte Menschen sitzen irgendwo im Schatten. Frauen verkaufen das im Garten angebaute Gemüse – zurzeit gerade riesige knallrote Radieschen. Dort wo die Strasse nahe der kasachischen Grenze vorbei führt, stehen Kartonschilder am Strassenrand, auf denen aus dem nördlichen Nachbarland geschmuggeltes Benzin zum Verkauf angepriesen wird.

 Wir fahren durch ein grosse und grüne Ebene. Die noch schneebedeckten Berge sind nur in weiter Ferne zu sehen. Was auch immer wieder auffällt und ich während der Reise durch Kirgisien immer wieder zu sehen kriege sind leer stehende Fabriken und Industrieruinen. Selbst neue Anlagen, wie die zirka 80 Kilometer ausserhalb von Bischkek von Chinesen gebaute Papierfabrik steht still. Wahrscheinlich wurde auch dieses Projekt ein Opfer der grassierenden Korruption. Das Alteisen aus den alten sowjetischen Fabriken wird derweilen Richtung China exportiert. Der Stahlhunger des grossen Nachbarn muss wirklich unglaublich gross sein. Später auf unserer Reise in Richtung Narijn und At-Bahij, die an der Strasse nach China liegen, werden wir immer wieder grosse Lastwagen sehen, die bis zum Bersten mit Alteisen gefüllt sind. Im Schritttempo wälzen sie sich über die mehr als 3000 Meter hohen Pässe, die zu oberst nur noch Schotterpisten sind, nach China. Ab und an steht dann wieder einmal ein Laster und kommt nicht mehr vorwärts. Ich selbst traute wirklich meinen Augen nicht und ich verstehe immer noch nicht wie sie es mit diesen Vehikeln und dieser schweren  Ladung auf diesen schweren Strassen über diese Pässe schaffe. Aber Kola meinte, zur Zeit sei dies eigentlich gar kein Problem, denn die Jungs würden auch im Winter ihrem Geschäft nachgehen. Bei Schnee über diese Pässe – ein Wahnsinn. Der chinesische Stahlhunger muss wirklich riesig sein und die Ware müssen die Transporteure für einen guten Preis verkaufen können, damit sie diese Strapazen auf sich nehmen. 

Während die Wohnhäuser meist in einem schlechten Zustand sind, steht in den meisten Dörfer eine oder auch mehrere neue Moscheen. Trotzdem glaube ich nicht, dass dies ein Zeichen für einen zunehmenden islamischen Fundamentalismus ist. Nur ein Bruchteil der Kirgisen geht in die Moschee und dem Wodka sind sie ebenfalls keineswegs abgeneigt. Auch bei Kola hängt im Auto am Rückspiegel irgendein Anhängsel mit arabischen Schriftzeichen. Was es aber bedeutet, kann er mir auch nicht sagen. Die Kirgisen sagen einfach, sie seien Muslime, weil sie denken, dass das zu ihrer Identität als Kirgisen gehört. Sie denken, der Glaube sei an die Ethnie geknüpft und keineswegs frei wählbar. Unser erstes Etappenziel auf dem Weg zum Issijk-Kul ist der Burana-Turm, ein restauriertes Überbleibsel einer Festung aus frühen Jahrhunderten. Der Turm liegt zirka 20 Kilometer abseits der Hauptstrasse. Unterwegs wurden wir Zeugen der hiessigen Agrartechnik: Menschen mit Gummihandschuhen und Atemschutzmasken ausgerüstet gingen über ein Feld und gossen aus Plastikflaschen, irgendeine Flüssigkeit (vermutlich Pest-, Herb- oder Fungizide) über die Pflanzen. Am Feldrand füllten sie die Flaschen jeweils aus einem Eimer nach. Beim Turm angekommen, trug sich ebenfalls unerwartetes zu. Von einem Lastwagen nahmen Leute weisse Plastikstühle und stellten sie auf der grünen Wiese in Reih und Glied. Es war eine richtige Theaterbestuhlung irgendwo in der grossen Weite Kirgisiens – im Niemandsland. Doch so weit wie ich dachte, ist auch hier die Zivilisation nicht. Aus Anlass des 60. Jahrestages der deutschen Kapitulation und des Sieges der Sowjetunion sollte hier am Samstagabend ein Stück von Tschingis Aitmatow aufgeführt werden, erklärte uns Evgenia – eine Laienschauspielerin. Wir verliessen die Ebene, die Strecke wurde kurviger und die Umgebung gebirgiger. Hier wuchs praktisch nicht mehr. Richtung Issijk-Kul glich die Landschaft bereits einer Steinwüste. Nur in der Nähe des Flusses in der Talmitte grünte es. In Baljktschij, der ersten Siedlung am Ufer des Issijk-Kul, hielt Kola plötzlich an und meinte: „Hier wohnt ein Bekannter, mal schauen ob er zu Hause ist.“ Er war zu Hause und lud uns zum Tee ein. Der Bekannte hiess mit Übernahme Kentschij oder auch Kent. Kentschij meinte, ob ich denn auch „Schnaps“ trinke. Ohne zu überlegen, sagte ich ja – unwissend, dass Kentschij gerne einen Wodka zu viel als zu wenig trinkt. Hatte er einmal am „Schnaps“ gerochen war er nicht mehr zu bremsen und irgendwie schien er froh zu sein, einen gefunden zu haben, der mit ihm trinkt. Als ich nach dem vierten Wodka das Veto einlegte, machte er auf beleidigt. Kentschij kam in Fahrt und erzählte von einem toten See in der Nähe, in dem man Baden könne wie im toten Meer. Dann meinte er ob wir nicht Fischen gehen wollen. Irgendwie dachte ich, dass das alles sehr spannend klingt, schliesslich ist Kentschij hier der Local und musste wissen, wo man hin musste. Also fuhren wir los – wo hin, wusste ich auch nicht so genau. Bevor wir aber wirklich fuhren, eilte Kentschij noch in den kleinen Lebensmittelladen, um noch ein bisschen Wodka zu kaufen. Das Auto füllte sich derweilen immer mehr, auch Kentschijs Sohn und sein Freund wollten noch mit. Dann ging es endlich los. Im Nachbardorf stieg noch einer zu. Langsam wurde es mir ungeheuer. Wir fuhren abseits von der Strasse und mir graute es schon. Irgendwo an einer Schranke, bestachen die Jungs die Wärterin mit einer Flasche Wodka. So konnten wir weiter fahren. Wie sich herausstellte, wollten sie mir unbedingt den Ort zeigen, wo das Wasser eines künstlichen Sees, der als Reservoir für Kirgisien, Kasachstan und Usbekistan dient, mit voller Wucht in einem grossen Schwall aus dem Stollen schiesst. Die feinen Wassertropfen in der Luft sind eine willkommene Abwechslung. Trotzdem wurde es mir dann zu bunt. Ich hatte irgendwie das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, zumal die Jungs unter sich nur kirgisisch sprachen und ich kein Wort verstand. Zudem wollte Kentschij die ganze Zeit, dass ich nochmals 50 Gramm Wodka mit ihm trinke. Schliesslich setzte ich mich durf. Wir – Kola, Kentschij und der Freund seines Sohnes- fuhren nach Tamtschij, wo ich eigentlich von Anfang an hin wollte. Kentschij, der unbedingt mein Freund sein wollte, sass auf dem Rücksitz und laberte unentwegt auf mich ein.

 Tamtschij ist ein kleines kirgisisches Dorf am Issijk-Kul-See mit Sandstrand und vor allem warmem Wasser ab Quelle. Nun ja, lange blieben wir auch nicht in dem verschlafenen Nest. Leider war auch die Sicht nicht so gut, sodass die hohen Berge am anderen Ufer des Sees praktisch nicht zu sehen waren. Danach gingen wir dann doch noch fischen – ohne Erfolg jedoch. Dafür traf ich am Flussufer Erkin, der ebenfalls sein Anglerglück prüfte – ebenfalls erfolglos. Stattdessen diskutierte ich mit ihm die politische Lage. Es stellte sich heraus, dass auch er zu den vielen Nostalgikern im postsowjetischen Zeitalter gehört. Stalin ist für ihn ein Patriot und am liebsten wünschte er sich die alten Zeiten wieder herbei. Ich habe in Kirgisien bereits einige Menschen getroffen, die grosse Stücke auf Lenin und auch Stalin halten. Die Russen werden hier keineswegs als Imperialisten und Unterdrücker wahrgenommen, im Gegensatz zu den baltischen Staaten.  

Dann gings zurück zu Kentschijs Haus, wo es Abendbrot gab und wo wir anschliessend auch übernachteten. Natürlich musste ich wieder ein paar Wodka mit Kentschij trinken, doch alles in allem konnte ich den Konsum in vernünftigen Grenzen halten. Obwohl auch Kentschij gemerkt haben sollte, dass ich nicht der geeignete Trinkkamerad für ihn bin, wollte er am nächsten Tag unbedingt mit uns zweien weiter fahren. Doch auch Kola war der Meinung, dass dies ein schlechte Idee ist und gemeinsam konnte wir es Kentschij ausreden. Um sechs Uhr morgens fuhren wir los in Richtung Kotschkor, Narijn, At-Baschij und Tasch-Rabat. Im Prinip fuhren wir vom Norden nach Süden immer näher zur chinesischen Grenze. Unser Ziel war der sonntägliche Viehmarkt in At-Baschij zum dem Leute aus ganz Kirgisien fahren, um zu kaufen und zu verkaufen. Zwischen Kotschkor und Narijn überquerten wir einen Pass, der 3300 Meter über Meer liegt. Die Fahrt bot Atem beraubende Aussichten auf die kirgisische Bergwelt und vor allem auf unterschiedliche Landschaften. Schien die Bergwelt auf der Nordseite karg, erinnerte sie auf der Südseite des Passes an die Schweiz. Die Hänge waren mit Nadelwald bewachsen, das Grass leuchtete in saftigem Grün. Es war Sonntag: Die Menschen ruhten sich aus und entspannten sich. Das heisst in Kirgisien vor allem eins: Ein Picknick mit der ganzen Familie mit Schaschlik, Salaten, Brot und vor allem Wodka. Kinder liefen uns auf der Strasse entgegen – zu Fuss und zu Pferd. Zwei trugen einen Samowar, andere trugen Taschen mit Esswaren. Irgendwo auf einer schönen Matte werden sie sich dann wohl niederlassen und den Sonntag geniessen. Wir unsererseits fuhren zielstrebig nach At-Baschij weiter, wobei die Strasse immer schlechter wurde. Trotzdem erreichten wir den Bazar rechtzeitig um zehn Uhr morgens. Es herrschte bereits buntes treiben. Zu kaufen gab es alles: Innereien, Gemüse, Kartoffeln, Eier, Öl, Wolle frisch ab Schaf und natürlich auch Lebendiges: Kälber, Stiere, Schafe und Ziegen. Kurz nach zwölf Uhr war der Spuck bereits wieder vorbei. Die Leute zogen mit ihrer Marktbeute wieder ab, Autos hupten sich den Weg frei durch die Menge, Kinder zogen Lasten auf Handkarren durchs Gewühl. Nachdem wir uns in der „Stalowaja“ mit dem traditionellen Nudelgericht „Lagman“ gestärkt hatten, fuhren wir weiter Richtung China nach Tasch-Rabat, einem Halt auf der Seidenstrasse. Hier, in einem verlassenen Seitental irgendwo im Niemandsland, zwischen hohen Bergen steht noch eine alte Festung aus jener Zeit. Ein Wohnhaus steht rund 100 Meter daneben. Als wir ankommen, eilt ein kleines Mädchen aus dem Haus und öffnet uns für 50 Som (rund 1$) die Tür zur Festung. Von At-Baschy nach Tasch-Rabat war es durchaus noch ein ziemliches Stück. Wir fuhren durch eine weite Hochebene, auf der Pferde, Kühe und Schafe weideten. Die Strasse war extrem schlecht, der Asphalt immer wieder aufgebrochen. In dieser Gegend ist Kola aufgewachsen und auf dem Rückweg mussten wir natürlich bei seiner Schwiegermutter, bei seiner Mutter und seinen Freunden vorbeischauen. Alle wohnten sie in bescheidenen kleinen Häusern. Doch überall wurde Brot aufgetischt und Tee gereicht. Manchmal gab es auch Butter oder sogar Marmelade. Bei der Schwiegermutter bauten die Jungs gerade eine neue Mauer: Zwischen zwei Holzplatten, die sie mit Schraubzwingen zusammenziehen konnten, füllten sie feinkörnige Erde, Stroh und Wasser ein. Ist das ganze ausgetrocknet, verschieben sie die Holzplatten und alles beginnt von neuem. Die neueren Häuser in dieser Gegend sind alle so oder dann mit vorgefertigten Lehmziegeln gebaut. Man fühlt sich Jahrhunderte zurückversetzt. Geheizt wird mit getrocknetem Pferde- oder Kuhmist. Wir fuhren nach Narijn zurück, wo wir bei einem Freund von Kola – Olmar - übernachteten. Olmar ist Musiklehrer und unterrichtet seine Schüler in der Kunst des traditionellen kirgisischen Saiteninstruments, dessen Namen mir im Moment entfallen ist. Auf alle Fälle hat es drei Saiten und einen dumpfen Klang. Nach 100 Gramm Wodka gab uns Olmar eine Kostprobe seines Könnens. Er ist wahrlich ein Meister seines Fachs und schreibt zurzeit gerade ein Buch darüber, wie man das kirgisische Saiteninstrument zu spielen hat. Ich musste jede Menge essen. Zum Glück war alles sehr lecker. Die Frau von Olmar erwies sich als gute Köchin. Es gab das kirgisische Nationalgericht „Beschbarmak“ (Fünf Pfoten). Das ist im Prinzip einfach ein Nudelgericht mit Lammfleisch. Eine Überraschung für mich hatten sie auch bereit: Essbare Blumen aus einem Knusperteig gebacken. Am nächsten Tag war der 9. Mai – 60 Jahre Kriegsende oder wie es im ehemals sowjetischen Raum genannt wird „Tag des Sieges“. Es ist aber nicht etwa vom Sieg im Zweiten Weltkrieg die Rede. Nein. Es ist der Sieg im Grossen Vaterländischen Krieg. Dieser Tag wird auch noch in einigen GUS-Staaten mit Paraden gefeiert. So auch in Kirgisien und selbst in der Provinzstadt Narin.

5.5.2004

Reise nach Bischkek: Es ist manchmal erstaunlich, wie viel man in kurzer Zeit erleben kann, wenn man sich auf den Weg begiebt. Am letzten Freitag (29. April) bin ich wieder zurueck nach Moskau geflogen. Nicht nur mit guten Gefuehlen. Irgendwie waere ich gerne noch in der sauberen und mir wohl vertrauten Schweiz geblieben. Ein komisches Gefuehl ueberkam mich, als ich im Taxi - ein alter Wolga - durch den chaotischen Moskauer Mittagsverkehr vom Flughafen Richtung Innenstadt fuhr. Es war als waere ich vor zwei Wochen aus diesem Film ausgebrochen und nun wieder zurueck. Veraendert hat sich in dieser kurzen Zeit in Moskau natuerlich nicht viel, ausser dass es ein bischen waermer wurde. Allerdings hatte ich ein kleines Problem. Meine Wohnungspartnerin, die fuer drei Wochen verreist ist, hatte nicht wie versprochen den Schluessel bei einer Bekannten von mir hinterlegt. So stand ich nun vor verschlossenen Tueren. Aber zum Glueck habe ich in Moskau bereits ein paar Freunde. Mein Gepaeck konnte ich bei einer Freundin abstellen und fuer zwei Naechte bei anderen Bekannten uebernachten. Am letzten Sonntag flog ich weiter nach Bischkek, der Hauptstadt Kirgisiens, wo ich nun in einem Internet-Cafe Sitze und diese Zeilen Tippe. Eigentlich wollte ich ja zuerst mit dem Zug ueber die russische Teilrepublik Baschkortostan und Kasachstan nach Zentralasien reisen, aber den Plan habe ich dann aus zwei Gruenden verworfen: Erstens machte die Revolution in Baschkortostan schlapp, die ich eigentlich miterleben wollte und zweitens sagte mir ein Kenner Zentralasiens, dass die endlose Zugfahrt durch die kasachische Steppe nicht sonderlich anttraktiv ist. So wagte ich es wieder einmal in eine Tupolew 154 einzusteigen, die mich nach Bischkek brachte. Ich hatte das exklusive Vergnuegen in der hintersten Reihe ganz links zu Sitzen, direkt zwischen den Triebwerken, die bei diesem Flugzeugtyp am Schwanz angebracht sind. Beim Start aechzte es schon ein bisschen im Gebaelk, aber dann verlief der Flug ganz angenehm. Neben mich setzte sich ein junger Kasache, ein Geschaeftsmann aus Almaty, der Wirtschaft und Jura zugleich studiert hatte. Nun ist er - Dimasch - eben 'Businessman'. Was sein Business genau ist, konnte oder wollte er mir nicht erklaeren. Aber, so verriet er mir, es sei sein Ziel, in drei oder vier Jahren in Rente zu gehen. Wie er in so kurzer Zeit soviel Geld verdienen will, wuerde er mir verraten, wenn ich ihn in Almaty besuchen wuerde. Er meinte, ich muesse unbedingt nach Almaty kommen und wollte mich geradewegs zu seiner Hochzeit am 4. Juni einladen. Liebendgerne wuerde ich da hin gehen, doch leider ruft dann die Arbeit in Moskau. Um vier Uhr morgens, am 2. Mai, bin ich in Bischkek gelandet. Das naechste Problem stand an: Da ich eigentlich geplant hatte, zuerst nach Kasachstan und erst spaeter nach Kirgisien zu reisen, war mein Visum fuer Kirgisien erst vom 5. Mai an gueltig. Doch nach einer kurzen Diskussion mit den Beamten an der Passkontrolle, aenderten diese das Datum in meinem Visum per Kugelschreiber, schrieben noch eine kurze Erklaerung dazu und knallte noch einen Stempel drauf. Soviel Flexibilitaet ohne Schmiergeld erstaunte mich. Ein Taxi brachte mich zu meinem Hotel, das Swetlana - eine Bekannte eines Managers der Moskauer Deutschen Zeitung in Bischkek - fuer mich buchte. Nachdem ich mich ausgeschlafen hatte, begab ich mich erst einmal auf einen Streifzug durch die Stadt, in der erst vor einem Monat eine Revolution stattfand. Im Gegensatz zu Moskau ist hier bereits alles gruen. Die Baeume haben bereits grosse Baetter in saftigem Gruen und auch das Gras steht bereits hoch. Soviele Baeume wie hier habe ich ueberhaupt noch nie in einer Stadt gesehen. Das dichte Gruen verbirgt die haesslichen Plattenbauten und andere heruntergekommene Bauten. Anderseits wird auch gebaut und auffaellig sind auch die vielen protzigen Gelaendewagen auf Bischkeks Strassen. Das Wetter ist praechtig: 25 bis 28 Grad und Sonnenschein, dazwischen ein paar Wolken. Es herrscht eine entspannte Stimmung - ganz anders als in Moskau. Die Menschen sind allgemein sehr offen und nett. Schnell habe ich mein Misstrauen abgelegt, dass man im allgeimenen verspuert, wenn man in ein fremdes Land kommt. Ein Familienvater sprach mich einfach so auf der Strasse an. Er wollte unbedingt, dass ich Ihn und seine Familie fotografiere und ihm das Foto schicke. Sogar Geld wollte er mir dafuer geben, was ich natuerlich ablehnte. Vielleicht aber ist dies aber auch die Ruhe vor dem Sturm: Bereits zwei Leute meinten, nach den Praesidentschaftswahlen vom 10. Juli koennte es vielleicht zu einem Buergerkrieg kommen. Experten sehen das allerdings nicht ganz so drastisch. Am Montagabend traf ich Swetlana im 'Navigator' einem bei Expatriots besonders beliebten Restaurant mit einer schoenen Terasse umringt von Laumbbaeumen. Es war eine warmer Fruehlingsabend. Swetlana arbeitet in Bischkek fuer die FAO in Bischkek. Ebenfalls an unserem Tisch sass David Hutton, ein bereits gealterter Englaender mit schuetterem weissem Haar. David ist bereits seit sieben Jahren in Bischkek und war bereits am Eroeffnungstag Gast im Navigator, deshalb erhaelt er hier immer noch ein paar Prozente Rabatt auf sein Bier, das er gerne hier trinkt. David hat ein eigenes Uebersetzungsbuero und erteilt Englischunterricht. Zu seinen Schuelern zaehlte auch der Schwiegersohn des Ex-Praesidenten Asakar Akajew. Er hatte viel zu erzaehlen ueber die Revolution. Allerdings ist es schwierig, diese Informationen zu ueberpruefen. Offenbar sollen die Amerikanern den Oppositionsfuehrern Millionenbetraege bezahlt haben. Dies wird jedoch sonst von allen Seiten verneint und als unwahrscheinlich angesehen. Am Dienstag machte ich mit David eine kleine Tour ausserhalb von Bischkek. Ich wollte mir die Landbesetzer ansehen, die nach der Revolution auf ihr verfassungsmaessiges Recht pochen, dass jeder Kirgise einmal in seinem Leben anrecht auf 5 Aaren Land hat, um sein Haus darauf zu bauen. Seit einem Monat sitzen sie nun auf dem Land, teilweise bestes Bauland rund um Bischkek. Wir trafen Sapurmanbek und seine Sippschaft, tranken Tee mit ihnen und assen ein Reisgericht mit Kartoffeln aus einem grossen Topf, um den sich alle setzten. Die Maenner sassen zwischen ein paar Baeumen im Kreis unter einer Plache. Nebenan stand ein Zelt mit einer kirgisischen Flagge. Die Frauen hielten sich abseits. Die ganze Diskussion verlief zuerst sehr harzig, bis David ein Bild seiner jungen kirgisischen Freundin und ihrem Kind zeigte. Das lockerte die ganze Sache enorm auf und die Gastgeber erzaehlten, was sie eigentlich verbergen wollten. Dass sie bereits Wohnungen in Bischkek besitzen und sich hier mit anderen Leuten immer wieder abloesen. Am Abend traf ich Markus Mueller, der Kopf der OSZE-Mission, zum Gespraech. Gestern verbrachte ich den Tag damit, Visa-Antraege fuer Usbekistan und Tadschikistan zu stellen. Am Abend traf ich Sergej Kasumkylow, der ehemals mit Tschingis Aitmatow in der kirgisischen Botschaft in Bruessel arbeitete, am Festival des jungen franzoesischen Kinos hier in Bischkek. Es wuerde ein amuesanter und aufschlussreicher Abend, der in einem Restaurant endete, das chinisische, uigurische und kyrgisische Kueche mit einander vereinte. Heute morgen beim Fruehstueck sassen am Tisch nebenan zwei Deutsche mit ihrer kyrgysischen Fuehrerin. Sie fragten: 'Warum hoeren wir hier morgens nicht den Muhezin rufen? Wenn wir an Zentralasien denken, dann faellt uns der Muhezin ein, der morgens ruft.' Die Mehrheit der Kirgisen soll zwar muslimisch sein, doch ist davon in den Strassen nicht viel zu sehen. Die Maedchen - die allgemein ziemlich huebsch sind - laufen hier ebenso knapp bekleidet herum wie in Moskau. Bier und Wodka wird auch hier getrunken. Dieses Bild wird sich aber wohl im Sueden und vor allem in Usbekistan aendern. Noch zwei Anektoten zum Schluss: Es traffen sich ein Russe, ein Kasache und ein Kirgise und sprachen ueber ihre Zukunftsplaene. Der Russe sagte, er werde ein grosses und schoenes Haus bauen. Der Kasache meinte, er wolle Ackerbau betreiben und das beste Getreide, die schoensten Aepel und das schmackhafteste Gemuese anbauen. Der Kirgise meinte, er wohle nur ein bisschen durch die Lande ziehen. Gesagt, getan: Der Russe baute ein grossartiges Haus, der Kasache baute den besten Weizen an, die schoensten Aepfel und das schmackhafteste Gemuese an. Da meinte der Russe zum Kasachen, sie sollten eigentlich zusammenspannen. Er, der Kasache, koenne bei ihm Wohnen und dafuer koenne er der Russe von seinen Erzeugnissen leben. Der Kasache willigte ein. Und als die beiden vergnuegt bei selbstgebranntem Wodka, selbst gebackendem Brot, bei Kaese, Wurst und Brot und gegrilltem Huehnchen im wunderbaren Salon sassen, klopfte der Kirgise an der Tuer und meinte: "Steuerinspektion!" Nach einer durchzechten Nacht verliess die Frau des kasachischen Praesidenten Nasarbajew mit argen Kopfschmerzen am morgen das Bett ihres Gemahlen. Noch nicht ganz bei Sinnen oeffnete sie das Fenster und was sie sah, wollte sie nicht glauben. Sie meinte ganz verdutzt zu ihrem Mann: "Aber Schatz, hast Du jetzt etwa auch die Berge verkauft." Worauf dieser meinte:"Nein mein Schatz, aber Du solltest endlich wissen, dass wir nun in Astana und nicht mehr in Almaty sind."

14.4.2004

Eine andere Welt: Seit zwei Stunden bin ich zurьck im Westen, genauer gesagt in Mьnchen, in einer anderen Welt. Nachdem ich meine Wohnung von den Spuren meiner kleinen Abschieds-Feier befreit hatte, nahm ich zum letzten Mal fьr einige Zeit die Moskauer Metro und danach den Zug vom Pavelezki-Bahnhof zum Flughafen Domodjedowo im Sьden ausserhalb Moskaus. Nochmals fuhr ich vorbei an blattlosen Bдumen, an einer noch toten Vegetation, an Fabrikruinen und Menschen, die irgendwohin unterwegs waren oder auch nicht. Ein Mann lief auf den Geleisen entlang mit einer Turntasche, irgendwo im Niemandsland. Arbeiter legten Feuer, um das tote Grass abzubrennen, ein Mann mit einer Aktentasche stand irgendwo auf einem Wall und trank um 12 Uhr aus einer Bierflasche. Dann war ich am Flughafen, ein Flughafen nach westlichem Standard. Ich war frьh dran, dachte ich kцnnte es ruhig nehmen. Doch leider flog ich mit Germania-Express - einer Billigfluglinie. Fьr 122 Euro alles inklusive. Der Haken aber: Man darf nur 5 Kilogramm Handgepдck mitnehmen. Ich aber hatte 17 Kilogramm Handgepдck und 22 Kilogramm im Koffer. Was kann ich dafьr, wenn mein Notebook aus dem letzten Jahrtausend stammt und sicher alleine 5 Kilogramm wiegt. Und wenn ich nun einmal unbedingt zwei Flaschen Wodka aus Russland nach Hause nehmen wollte. Ьberhaupt, nach 6 Monaten Russland mцchte man ja auch etwas nach Hause bringen. Die Damen am Check-in waren knallhart. Ich mьsse von meinem Rucksack Gewicht umladen in meinen Koffer. Doch der war bereits weg. Also musste ich ihn bei einem anderen Schalter wieder holen. Die Dame dort sagte, das sei eigentlich kein Problem, denn Notebooks und auch Kameras wьrden beim Gepдckgewicht nicht berьcksichtigt. Doch bei Germania nicht: "Bei unserer Fluglinie werden auch diese Gegenstдde voll angerechnet." Also packte ich mein Notebook vom Rucksack in den Koffer. Dieser wog nun 27 Kilogramm und der Rucksack 9 Kilogramm. Das sei nun OK meinten die Damen, ich mьsse einfach 11 Kilogramm Ьbergewicht, sprich 55 Euro bezahlen. Was ich dann auch tat. Nur Schade, dass mir in der ganzen Umpackerei eine Flasche bester ukrainischer Wodka aus der Hand fiel und zerbrach. Eine schцne Sauerei. Aber schliesslich sind wir dann doch gestartet, mit mir an Board und all meinem Gepдck. Den Flug habe ich genutzt um ein bisschen Schlaf nachzuholen. Kaum war ich eingeschlafen, war ich bereits in Mьnchen. Moskau lag bereits weit hinter mir, doch ein bisschen Russland war immer noch an Board. Kurz vor der Landung stand noch ein Russe auf, worauf die Flugbegleiterin ihn heftig anfuhr. Kaum hatte das Flugzeug aufgesetzt, wollten die Russen auch schon aufstehen und die Gepдckablage цffnen. "Lassen sie die Ablage geschlossen und bleiben sie sitzen und angeschnallt, bis das Zeichen erlischt", schnauzte die Flugbegleiterin in die Sprechanlage. Dann war ich zurьck in einer Welt, die ich schon fast ein bisschen vergessen hatte: Bereits der Flughafenbuss und seine gepolsterten und sauberen Sitze waren ein Highlight, der Flughafen schien ohne Kratzer zu sein, fast schon klinisch sauber wie ein Krankenhaus. Vor allem aber hatte der Beamte bei der Passkontrolle ein Lдcheln auf den Lippen. Die Erinnerung an die versteinerten Mienen der beiden Kontrolleurinnen in Moskau waren mir noch gut im Gedдchtnis. Dafьr wurde ich dann zur Zollkontrolle gebeten, worauf ich meinen Koffer nochmals aus- und einpacken konnte. Die S-Bahn-Fahrt vom Flughafen zum Stadtzentrum, vorbei an grьnen Landschaften, war ein reines Vergnьgen. Ich hatte ein ganzes Abteil fьr mich alleine. Lautlos fuhr der Zug von Station zu Station. Nebenan diskutierten eine Frau und ein Mann ьber ihre Kochkьnste. Nachdem ich im Hotel ankam und mich meiner schweren Last entledigt hatte, machte ich mich auf zu einem kleinen Spaziergang durch die Mьnchner Altstadt. Auf dem Strassenring ums Zentrum riecht es auch hier nach Benzin, auch wenn nicht ganz so penetrant wie in Moskau. Die Geschдfte, Hдuser und Strassen erscheinen auch hier klinisch Sauber, fast etwas kitschig bereits. Besonders heimtьckisch fьr einen Moskau-Rьckkehrer sind hingegen die Fahrradwege entlang der Strassen. Das bin ich mir einfach nicht mehr gewцhnt - Fahrrдder. In der Fussgдngerzone herrscht eine Entspannte Atmosphдre, die Menschen flanieren, geniessen ihr Bier in der Frьhlingssonne. Hier beschallen die Geschдfte die Strassen nicht mit lauter Musik. Ich gцnn mir einen Saftigen Tafelspitz an einer Pfefferrahmsauce mit frischen Eierspдtzle - ein Traum. Wieviele Russen haben in ihrem ganzen Leben eine solche Stadt nie gesehen. Wьrden sie einmal hierherkommen, sie mьssten denken, sie wдren im Paradies gelandet.

13.4.2004

Heimkehr: Lange hat mein Tagebuch geschwiegen. Lange habe ich geschwiegen. Warum? Ich glaube der harte russische Winter hat mir irgendwann die Energie genommen. Auch die Artikel, die ich in dieser Zeit verfasst habe, fielen mir alle sehr schwer. Die Buchstaben wollten einfach nicht fliessen. Moskau ist eine raue Stadt, hektisch und riesig. Will man auch nur eine Kleinigkeit erledigen, braucht man dafьr gleich einen halben Tag. Auch die Menschen sind nicht gerade mit guter Laune gesegnet. Ich frage mich, ob dies ihre Mentalitдt ist oder ob das durch die schwierige цkonomischen Lage bedingt ist. Naja, auf alle Fдlle ist es wirklich irgendwie so, dass man in dieser Stadt sehr viel Energie aufbringen muss, sie aber gleichzeitig keine Wдrme zurьck gibt. Nun aber ist auch in Moskau der Frьhling eingekehrt. Und irgendwie zeigt auch bei mir die Kurve wieder nach oben. Diese Woche wurde ich in ein Korrespondenten-Netzwerk fьr Osteuropa aufgenommen und eine mit dem Netzwerk verknьpfte Foto-Agentur hat sich zudem fьr meine Bilder interessiert. Und das alles nur, weil mir mit dem Artikel zu Baschkirien kein schlechter Text gelungen ist, den ihr auch auf meiner Homepage findet. Endlich ist mein Russisch soweit, dass ich wirklich journalistisch arbeiten kann und jene Themen recherchieren kann, die mich interessieren. Letzte Woche bei der Demonstration der Baschkiren in Moskau hat es wirklich Spass gemacht: Ich konnte mit allen Menschen sprechen und mich auch ьber kompliziertere Dinge unterhalten. Ein junger Bursche – wie sich herausstellte ein Mitglied der Jungen Kommunisten in Baschkirien – wollte unbedingt mit mir sprechen. Denn, so sagte er, er wolle der nдchste russische Prдsident werden. Immerhin spreche er auch Deutsch wie Prдsident Putin. Tatsдchlich Deutsch – gebrochen, aber gar nicht so schlecht. Und die ьblichen Polit-Phrasen beherrscht er auch bereits: „Mein Ziel, mein Traum, ist das Glьck meines Volkes“, sagte er. Natьrlich musste ich ihn auch noch fotografieren. Nun trдumt er erstmals davon, dass sein Foto in der ganzen Welt, in allen Zeitungen erscheinen mцge. Fьr mich ist es nun erst mal Zeit, in die Schweiz zurьck zu kehren. Denn erstens lдuft mein Visum ab. Zweitens werde ich noch einen Umweg ьber Mьnchen machen, um dort die Aufnahmeprьfung fьr die Journalistenschule zu absolvieren. Aufgrund einer von mir in Irkutsk verfassten und eingesandten Reportage, bin ich in die zweite Runde gelangt. Damit habe ich eigentlich gar nicht gerechnet, da ich die Reportage zwei Tage zu spдt eingesandt habe und ich sie auch nicht speziell gut fand. Wie der bayrische Fussball-Kaiser zu sagen pflegt: „Schaun wer mal.“ Ab 17. April bin ich wieder in der Schweiz. Ich denke aber, dass ich nochmals nach Russland zurьckkehren werde. Dabei habe ich insbesondere eine Reise nach Zentralasien im Auge, da ich einiges ьber Kirgisien geschrieben habe und mir nun das ganze gerne aus der Nдhe ansehen wьrde. Im Moment bin ich in den letzten Zьgen, um meine Abreise vorzubereiten. Und auch in den letzten Tagen habe ich hier in Moskau noch Neues entdeckt: Zum Beispiel einen ziemlich grossen Markt bei mir in der Nдhe, wo es sehr gьnstige Handys gibt – Second Hand versteht, wie an den Kratzern zu erkennen ist. Anderseits hat mir auch meine Nachbarin endlich gebeichtet, warum sie immer heraus kommt, wenn ich die Wohnung verlasse. Die alte Frau sagte mir, sie sei alleine und immer froh, wenn sie hцre, dass die Tьre nebenan geht und sie wisse, dass jemand da ist. Sie habe sonst Angst. Endlich habe ich auch sie verstanden. Bisher hat mich die Frau eher genervt, wenn sie mir irgend etwas lang und breit in einem schwer verstдndlichen Russisch erzдhlte, das ich nicht kapierte. Heute Abend habe ich noch ein paar Freunde bei mir eingeladen, um den zwischenzeitlichen Abschied zu feiern. Selbstverstдndlich wird’s auch den einen oder anderen Wodka geben und ich werde ein paar russische Pfannkuchen (Blinys) brutzeln.

27.1.2005

Ariuschenka und Lukas zu Besuch in Russland: „Man kann auch mit der Swiss oder der Crossair abstьrzen!“ So oder дhnlich habe ich in meinem Tagebucheintrag zu meiner Reise nach Irkutsk Mitte Dezember argumentiert. Eigentlich wollte ich mit diesem Gedanken nur meine Nerven beruhigen, als ich in das Flugzeug der russischen Gesellschaft Aeroflot nach Sibirien stieg. An dem Gedanken ist allerdings mehr dran, als ich dachte – musste ich feststellen.

Luki und Ari (meine treusten und liebsten Freunde aus der Schweiz) flogen letzten Donnerstag natьrlich mit der Swiss nach Moskau – double income, no kids. Um 15.10 hдtten sie Landen sollen. Weil ich selbstverstдndlich auf keinen Fall wollte, dass sie in der grossen fremden Stadt auf mich warten mьssen, nahm ich den Zug um 14.00 Uhr, damit ich um 14.40 am Flughafen war. Der nдchste Zug wдre erst um 15.00 gefahren. Pьnktlich – wie es sich fьr russische Zьge im Normalfall gehцrt - kam ich am Flughafen an. Der Flug aus Zьrich, so verriet mir die Anzeigetafel, war ebenfalls „on time“. Ich hatte noch Zeit und ging in die „Asia Bar“, um eine Kleinigkeit zu essen. Um zehn nach drei kam ich zurьck zur Tьr, wo Ari und Luki in den nдchsten Minuten herauskommen sollten. Allerdings – so die Anzeigetafel – war die Swiss nun nicht mehr „on time“ sondern „delayed until later today – latest 19.20“. Vier Stunden Verspдtung bei zwei Stunden Flugzeit? Das muss ein Irrtum sein, dachte ich. Denn schliesslich sind Irrtьmer bei der Swiss heutzutage durchaus im Bereich des Mцglichen.

Diesmal war es allerdings kein Irrtum, wie mir Ariuschas Vater per Telefon bestдtigte: Die Maschine hatte ьber Polen aufgrund eines defekten Triebwerks den Rьckflug eingeleitet. Gemдss dem Piloten habe aber keine Gefahr bestanden. Einmal in Moskau gelandet, hдtte das Flugzeug jedoch nicht mehr gestartet werden kцnnen – „grounding“ eben. Immerhin stellte die Swiss in Kloten ein neues Flugzeug bereit, das die Passagiere nach Moskau bringen sollte. Und etwas Positives hatte das ganze ja auch noch: Ariuscha und Lukas bekamen von Zьrich nach Moskau noch ein zweites Menu serviert. Das hat sie ьberrascht, denn eigentlich rechneten sie damit, auf dem Flug hungern zu mьssen und nahmen deshalb Sandwichs mit. Und weil sie die belegten Brote nicht verzehrten, kam ich dafьr in den Genuss eines echten Schweizer Sandwiches.

Zuerst aber begann die Warterei. Vier Stunden: Zeitung kaufen, den Flughafen besichtigen, Menschen beobachten, essen und trinken – zu Flughafenpreisen. Aber schliesslich haben es Luki und Ariuscha doch noch geschafft - um 19.30 Uhr kamen sie durch die Ankunftstьr. Zum Glьck hatte ich auf dem Weg zum Flughafen noch einen „Nemiroff“ (Ukrainischer Wodka mit Paprikaschotten gewьrzt), Essiggurken und Fladenbrot eingekauft: Lukas und Ariuscha konnten nach diesem Abenteuer einen Schnaps gut gebrauchen. Im Zug vom Flughafen zurьck nach Moskau hatten wir 40 Minuten Zeit um auf ihre heile Ankunft in Russland anzustossen.

Tags darauf, am Freitag um 12.00 Uhr, nahmen wir den Zug nach Sergeiv Posad. Die kleine Stadt liegt eine gute Stunde nordцstlich von Moskau und beheimatet eines der schцnsten und bedeutendsten Klцster Russlands – ein Muss fьr jeden Touristen. Nur mit Glьck konnten wir uns im Zug noch einen Sitzplatz erkдmpfen. Viele Leute mussten stehen. Aber selbst in diesem Gedrдnge kдmpften sich immer noch Verkдufer durch die Wagons und priesen alles mцgliche an: Telefonbьcher, Zeitschriften, Nagelscheren, etc. Irgendjemand spielte Harmonika und der Wodka floss in rauen Mengen.

Schliesslich waren wir da: Ein kleiner Bahnhof mit zwei Perrons. Gegenьber der Busbahnhof. Es war ein russischer Wintertag, eine steife Brise peitschte den Schnee ins Gesicht. Der grosse Zwiebelturm des Klosters war aus weiter Ferne zu sehen. Ausser dem Kloster gibt’s hier nichts weiter Interessantes, ausser vielleicht ein paar traditionelle russische Holzhдuser. Das Kloster aber allein ist die Reise wert: Stolz thront es auf einer kleinen Anhцhe, geschmьckt mit vielen kleinen und grossen Zwiebeltьrmen – ein Bild aus einem russischen Wintermдrchen. Als Bildungsbьrger leisteten wir uns natьrlich einen Fьhrer: Sergej war wohl so zirka 50 Jahre alt und sprach dank einem Aufenthalt in Berlin fliessend Deutsch. Er fьhrte uns auch in Kirchen, die fьr Besucher ohne Exkursionsleiter verschlossen bleiben. Ariuscha hatte sich gut vorbereitet und bereits einigen historischen Hintergrund aus ihrem Reisefьhrer entnommen. Sergej allerdings war oft anderer Meinung und meinte jeweils in aufklдrendem Ton: „Da haben Sie etwas falsch verstanden.“ So hatte Ivan der Schreckliche seinen Sohn nicht etwa im Wahn ermordet. Nein, sowohl er als auch sein Sohn wurden mit Arsen vergiftet, die ihnen in kleinen Dosen ins Essen gegeben wurden. Ьberhaupt sei es nicht richtig, Ivan „den Schrecklichen“ zu nennen. Besser sei die Ьbersetzung Ivan der Strenge. Denn Ivan sei sehr gebildet gewesen. Selbstverstдndlich habe er viele Menschen hinrichten lassen, aber das sei fьr den Erhalt Russlands auch wichtig gewesen. Dann meinte er auch, Stalin sei ein sehr religiцser Mensch gewesen und habe die Sitzungen wдhrend des 2. Weltkriegs immer mit den Worten „Gott mit uns“ oder so дhnlich abgeschlossen. Tatsдchlich soll Stalin wдhrend mehreren Jahren in Tiflis Theologie studiert haben, aber die These, dass er religiцs gewesen sei, ist wohl noch zu ьberprьfen.

Am eindrьcklichsten war die letzte Kirche - ganz weiss, mit goldenen Kuppeln – in welcher der Sarg des Heiligen Sergios liegt, der Begrьnder des Klosters. Pilger kommen hierher, um das Grab zu kьssen und zu singen. Auch als wir da waren, sangen alte Frauen eindringliche, melancholische Klagelieder.

Vom Kloster ging es mehr oder weniger direkt ins Moskauer Nachtleben. Nachdem wir bei mir noch kurz die Wohnung besichtigt sowie einen Wodka und einen Tee vom Baikalsee getrunken hatten, kдmpften wir uns durch den Schneematsch in Moskaus Strassen. Die Temperatur war um ein paar Grad angestiegen, so dass es vorbei war mit der Winterromantik. Es gibt wohl kaum etwas unangenehmeres als bei Schneeregen durch Moskau zu gehen. Bereits ein bisschen durchnдsst landeten wir schliesslich im Club Fabrique. Die DJs hier sind Spitzenklasse. Und ausser dem Hцrenswerten gibt’s auch Sehenswertes. Trotzdem handelt es sich dabei immer noch um einen „demokratischen“ Klub, wie uns ein Taxifahrer erklдrte. Demokratisch heisst in Russland soviel wie fьr jedermann zugдnglich und bezahlbar.

Am Samstag wollten wir eigentlich Schlittschuhlaufen, aber leider regnete es immer noch. Deshalb entschlossen wir uns, in die Sauna zu gehen. Wir entschieden wir uns fьr das Sandunowskij Bad, das berьhmte und historische Bad im Zentrum Moskaus. Umziehkabinen gibt es hier nicht, dafьr lange, gepolsterte Sitzbдnke in einem grossen Raum – fast wie sehr breite Zugabteile. Hier erhдlt man einen Platz zugewiesen, wo man sich umziehen kann und wo man sich dann auch gleich zwischen den Saunagдngen ausruhen kann. Wenn man in einer Gruppe kommt, kann man sich auch eine Kabine mieten. Eine Kabine ist sozusagen ein geschlossenes Abteil, damit man sich die Bank nicht mit fremden Leuten teilen muss. Separate Saunen gibt es jedoch nicht, alle teilen sich eine grosse Sauna mit einem grossen Ofen. Ab und zu macht jemand die grosse gusseiserne Ofentьr auf und gibt mit grosser Kelle Wasser ins Feuer. Die russische Sauna ist ziemlich heiss, so heiss, dass sich die Russen Hьte aufsetzen, die ziemlich lustig aussehen. Um die Durchblutung anzuregen, schlagen sie sich zudem mit Bьndeln aus feinen belaubten Дsten. Vorzugsweise Eiche. Auf den Hut und auf die Blдttertortur haben wir verzichtet. Es war auch so ein sehr entspannendes Erlebnis. Zwischen den Saunagдngen kann man fast wie in einem Restaurant gemьtlich auf den Bдnken sitzen, einen Tee, ein Bier, einen Wodka trinken oder etwas essen und ьber Gott und die Welt philosophieren.

Abends gingen wir mit Juri, seiner Frau Lena, seiner kleinen Tochter Katja, Andrej und Julia essen. Das Restaurant lag gleich am grossen Strassenring bei der Metro Prospekt Mira. Wer das Restaurant betritt, lдsst Lдrm und Hektik jedoch mit einem Schlag hinter sich. Durch eine riesige Glasscheibe blickt man hier auf einen idyllischen Garten im Innenhof. Im Sommer soll man hier auch draussen im Garten auf einer Terrasse essen kцnnen. Sozusagen im Grьnen - mitten in Moskau. Allerdings kommt man in das Restaurant nur rein, wenn man Member ist. Wie mir Juri erklдrte, wollen viele Restaurants keine sogenannt „neuen Russen“ als ihre Kunden, weil diese sich oftmals schlecht benehmen wьrden. Deshalb kontrollieren sie genau, wen sie einlassen.

Leider musste ich an diesem Abend etwas frьher nach Hause. Ein Artikel musste bis Montag noch fertig werden. Am Montag fand ich aber noch die Zeit, um Ariuscha und Lukas zum Flughafen zu begleiten. Es war wirklich schцn, ein paar vertraute Gesichter in Moskau zu sehen. Ausserdem habe ich mir dadurch auch selbst die Zeit genommen, um Dinge zu unternehmen, die ich schon lange vor hatte, aber einfach nicht in die Tat umsetzte.

Und zum Schluss noch ein Wort zum Schweizer Kдse, den mir Ariuscha und Lukas mitgebracht hatten: Irgendwie hatte ich mich bereits an den russischen Kдse gewцhnt. Ich dachte, so schlecht ist er eigentlich nicht. Und tatsдchlich kann man ihn auch essen. Aber ich kann nun mit gutem Gewissen sagen, ein rezentes Stьck Gruyиre ist im Vergleich zum russischen Kдse ein Gedicht, ein Kunstwerk und eine wahre Gaumenfreude. Noch nie hatte ich ein Stьck Kдse mit soviel Freude und Wohlgefьhl verspeist.

17.1.2005

Von Ulan-Ude bis Moskau: Letzten Freitag bin ich von Irkutsk zurьck nach Moskau geflogen. Heute beginnt wieder der Redaktionsalltag. Es waren lange Feiertage: Die Russen haben zum ersten Mal vom 31. Dezember bis zum 11. Januar blau gemacht. Die Feiertage bekamen die Russen von der Staatsduma (dem Parlament) verordnet. Klar, auch wir machen ьber Neujahr gerne einmal 2 Wochen Urlaub. Das Problem in Russland ist nur, dass viele Menschen sich es nicht leisten kцnnen, wegzufahren oder an den freien Tagen irgend etwas zu unternehmen. So sitzen sie eben zu Hause, gehen spazieren oder trinken. Die meisten Russen sind wohl froh, dass die Langeweile vorbei ist und sie wieder zur Arbeit kцnnen.

Die Attraktion wдhrend der Neujahrszeit in Irkutsk war das Squaire Kirowa, der zentrale Platz der Stadt. Hier wird jedes Jahr ein grosser Christbaum und zahlreiche Eisfiguren aufgestellt. Hдuser, Burgen, Krieger ... – alles aus Eis. Der Renner aber ist die grosse Eisrutsche: Auf der drei bis vier Meter hohen und zirka fьnf Meter breiten Rutsche drдngte sich Abend fьr Abend die Stadtjugend, um sitzend, kniend oder stehend immer wieder von Neuem die „Gorka“ runter zu dьsen. Natьrlich konnte man sich auch mit dem Weihnachtsmann fotografieren lassen oder direkt am Platz Feuerwerk kaufen, um es sogleich abzufackeln. Wдhrend ьber zehn Tagen ging das so auf dem Platz – jeden Abend waren Leute da, auch bei minus 20 Grad. Und zehn Tage lang gingen Knaller, bunte Raketen und Heuler in die Luft. Ich war allerdings nur einmal und nur fьr kurze Zeit da. Eine Russischlehrerin von mir ging gar nicht hin: „Ich mцchte noch leben“, meinte sie.

Mir selbst wurde allerdings nie langweilig. Ich habe fleissig Russisch gelernt und auch gute Fortschritte gemacht. Ich bin nun in der Lage, Zeitungen zu lesen und habe auch bereits Interviews auf Russisch gemacht. Auch Fernsehen und Radio verstehe ich immer besser. Aber natьrlich habe ich nicht nur Russisch gelernt, sondern mir auch die Gegend angekuckt und zu einigen Themen recherchiert.

Ein Hцhepunkt war meine Reise nach Ulan-Ude, die Hauptstadt der autonomen Republik Buratjen. Bilder dazu gibt es in der FotoGallerie. Die Stadt liegt 10 Eisenbahnstunden цstlich von Irkutsk. Ich bin am Samstagabend mit dem Nachtzug losgefahren und morgens um 6.30 Uhr bei minus 28 Grad angekommen. Ein Taxi hat mich dann zum regionalen Busbahnhof gebracht, von wo ich den Bus nach Iwolginsk genommen habe. Iwolginsk ist ein kleines Stдdtchen zirka 35 Kilometer Sьdwestlich von Ulan-Ude. Ziel meiner Reise war der „Datsan“ (buddhistisches Kloster) von Iwolginsk. Iwolginsk ist das buddhistische Zentrum Russlands und hier lebt auch der hцchste Lama Russlands. Im Bus habe ich Gleb kennengelernt, ein 19jдhriger Weissrusse. Er fragte mich, ob ich zum Datsan wolle, er lebe dort. Misstrauisch, wie man hier in Russland sein sollte, dachte ich zuerst, er wolle mir irgend etwas verkaufen oder mich sonst irgendwie ьbers Ohr hauen. Um 8.00 Uhr morgens kamen wir im Tempel an. Es war noch dunkel und hier so um die minus 35 Grad. Es war wirklich bitter kalt. Gleb erbarmte sich meiner und lud mich in seine Unterkunft zu einem Tee ein. Er lebt in einer einfachen, aber gut geheizten Holzhьtte mit anderen Mцnchen und Studenten zusammen. Er selbst ist allerdings kein Mцnch und will es auch nicht werden. Er kam erst vor einem Monat in den „Datsan“ und wird hier 5 Jahre bleiben. Im Sommer allerdings werde er jeweils nach Weissrussland zurьckkehren. Gleb ist professioneller Massageist und mцchte die Geheimnisse der Tibetischen Medizin ergrьnden. Hierzu muss er allerdings zuerst die buddhistische Philosophie erlernen. Auf seinem Schreibtisch lagen mehrere Bьcher in tibetischer Sprache. Noch fдllt ihm das Lesen der Schrift schwer. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwer sein muss, diese Schrift zu erlernen. Aber noch schwieriger wird es wohl sein, die Tiefe des Inhalts zu verstehen. Wie gesagt, Gleb mцchte nicht Mцnch werden. Er sei zu schwach dazu, meint er. Er habe ein Freundin in Weissrussland. Von ihr hat er gerade heute einen Brief erhalten. Trotzdem ist es ihm mit seinem Studium sehr ernst und ich musste von ihm immer wieder bцse Blick ernten, weil ich irgend etwas falsch gemacht habe: Zum Beispiel habe ich meine Handschuhe und meine Mьtze auf den Tisch neben die buddhistischen Bьcher gelegt – ein absolutes Tabu. Im Tempel habe ich meine Hдnde gefaltet, wie es Christen eben tun – die Finger in einander verschrдnkt. Das sollte man nicht tun: Die Hдnde darf man nur wie beim Klatschen in einander legen. Und auf keinen Fall sollte man dem Buddha den Rьcken zukehren. Ьber seinem Bett hat Gleb einen kleinen Altar eingerichtet mit dem Bild des Dalai Lama. Er zьndete ein Rдucherstдbchen an und murmelte irgend etwas. Dann gingen wir los. Er wollte mir das Kloster zeigen. Um das Kloster herum fьhrt ein Weg im Kreis, auf dem man an zahlreichen Gebetstrommeln vorbeikommt. Der Rundgang soll eine reinigende Wirkung auf die Seele haben, meint Gleb. Selbst Hunde wьrden hier alleine im Kreis herum gehen. Es war auf jeden Fall ein eindrьckliches Erlebnis: Bei Sonnenaufgang und minus 30 Grad, rechts die buddhistischen Tempel und links die endlose weisse Weite Sibiriens - am Horizont kьndigte ein zartes Rosa den Tagesanbruch an. Auf unserem Weg kamen wir auch am Baum des Buddhas vorbei: In einem eigenen kleinen Tempel, hinter Glas geschьtzt, stehen Feigenbдume. Buddha soll unter einem solchen erleuchtet worden sein. Im Haupttempel fand das Morgengebet statt. Die Mцnche sassen zu Fьssen ihres Meisters, lasen und murmelten Verse. Drei Besucher brachten jedem Mцnch einen Apfel auf einem Zehn-Rubel-Schein sowie einen Zettel, auf dem sie ihre Wьnsche geschrieben haben. Die Mцnche werden fьr sie beten. Vor dem Altar stapelten sich weitere Gaben: Brot, Sьssigkeiten, ein Liter Milch, und so weiter. Gerne hдtte ich mit einem Mцnch gesprochen, doch Gleb meinte, man sollte sie nicht stцren. Als ich mich von Gleb verabschiedet hatte, kamen erst die Vertreter der „Tourismusindustrie“. Mit einem solch frьhen Besuch hatten sie nicht gerechnet und ich habe das Kloster gratis und erst noch mit einem privaten Guide besichtigt. Morgenstund hat eben Gold im Mund. Nachdem ich im Restaurant Hunger und Durst mit drei „Bosi“ (mit Fleisch gefьllte Teigtaschen) und Tee mit Milch gestillt hatte, nahm ich ein Taxi nach Iwolginsk zurьck und von da ein Mikroautobus zurьck nach Ulan-Ude. Die Sehenswьrdigkeit schlechthin in Ulan-Ude ist der riesige Leninkopf. Er soll der grцsste Leninkopf ganz Russlands und der Welt sein. Und er ist wirklich riesig – mehrere Meter hoch und breit. Ebenfalls sehenswert war das Ethnographische Museum. Auf grosser Flдche kann man hier im Stil des Ballenbergmuseums in der Schweiz unterschiedliche Wohnhдuser, von der Jurte und der Blockhьtte bis zum edlen Holzhaus und zur Holzkirche, besichtigen. In Irkutsk selbst habe ich vor allem zu zwei Themen Material zusammengetragen: Einerseits zur Abschaffung der direkten Gouverneurswahlen durch Putin. Ich wollte vor allem wissen, wie diese Entscheidung aus regionaler Sicht aufgenommen wurde. Anderseits zu illegalem Holzschlag und Holzhandel im Gebiet Irkutsk. Dabei habe ich ein Interview mit Victor Kuznyetsow gemacht, der in Irkutsk fьr die lokale Цko-Organisation arbeitet. Er selbst war bereits zu Sowjetzeiten Jagd-Inspektor in der Gegend. In den 90er Jahre hat er ein paar „grosse Tiere“ verhaftet, die mit einem Helikopter auf Hirschjagd gingen. Dies brachte ihm mehrere Prozesse vor Gericht ein, den Job hat er auch verloren und einer der Wilderer wurde zum Vizedirektor des Amtes fьr Wirtschaftsfragen im Gebiet Irkutsk ernannt. Er hatte wirklich einiges zu erzдhlen. Meine Arbeit beginnt eigentlich erst jetzt: Schreiben, schreiben und nochmals schreiben.

30.12.2004

Das Leben in Sibirien: Gerade als ich mich heute um 10 Uhr auf den Weg zur Schule machen wollte, klingelte das Telefon. Meine Lehrerin: „Wo steckst Du denn, wir haben heute um 9 Uhr Unterricht.“ Da muss ich mich wohl im Stundenplan verkuckt haben. Ich meinte, heute sei wie immer um 10.30 Uhr Unterricht. „Ich bin Unterwegs“, antwortete ich und machte mich auf den Weg.

In den letzten Tagen ist es kдlter geworden in Irkutsk: nachts minus 30 und tags minus 25. Aber wenn man sich richtig anzieht, ist auch das auszuhalten - bloss nicht allzu lange. Fьnf Minuten Fussmarsch, dann war ich an der Bushaltestelle, wo ich jeden Tag die „Marschrutka 3“ zur Schule nehme. „Marschrutka“ sind kleine Minibusse. Sie haben die gleichen Nummern wie die offiziellen Linienbusse und fahren auch dieselben Strecken. Sie sind auf privater Initiative entstanden, weil es zu wenige Linienbusse gab. Anstatt 5 Rubel kosten sie 8 Rubel. Dafьr sind sie flinker und halten nur, wenn jemand ein- oder aussteigen will. Ich kannte das System bereits von Moskau her, allerdings bezahlt man hier im Gegensatz zu Moskau nicht beim Einsteigen, sondern erst beim Aussteigen. Busbillets gibt es weder fьr die „Marschrutkas“ noch fьr die Linienbusse. Beim Aussteigen geht man einfach beim Chauffeur vorbei und drьckt ihm das Geld in die Hand. Manchmal liegt auch eine kleine Schachtel mit Kleingeld bereit, wo man das Geld reinwirft und das nцtige Wechselgeld rausnimmt. Das funktioniert sehr gut. Alle bezahlen brav und die ganze Administration fьr den Ticketverkauf und die Investitionen fьr die Automaten entfallen. Ein System mit Automaten wьrde hier sowieso nicht funktionieren – sie wьrden schnell geknackt.

Noch etwas zur privaten Initiative: Viele sogenannt цffentlichen Systeme bzw. Dienstleistungen funktionieren in Russland nur noch dank privater Initiative. So auch das Bildungssystem. „Der Staat bezahlt nur das Gehalt der Lehrerin und das ist erst noch recht tief“, sagt meine Russischlehrerin Olga. Den Sicherheitsdienst, Unterhaltsarbeiten am Schulhaus, sonstige Renovationen oder Anschaffungen, Bьcher und Schreibmaterial mьssten die Eltern bezahlen. Dies obwohl in der Verfassung das Recht auf unbezahlte Bildung garantiert ist.

Normalerweise dauert die Fahrt von meinem Zuhause bis zur Schule nicht lдnger als 30 Minuten, auch wenn es Stau gibt. Doch genau am heutigen Morgen, an dem ich es besonders eilig hatte, war der Stau auch besonders lang. Meine Schule liegt auf der anderen Seite des Flusses (Angara) und wenn man dahin will, muss man ьber die Brьcke. Und weil viele und jedes Jahr immer mehr mit dem Auto ьber die Brьcke wollen, gibt es oft Stau. Eigentlich hдtte dieses Jahr die neue Brьcke fertiggestellt werden sollen, aber nun spricht man hier von 2007 oder so. Aber das ist bei uns ja nicht anders. Anders hingegen ist der Verkehr hier: Fahrbahnen gibt es eigentlich nicht. Man fдhrt einfach dort wo gerade Platz ist und besonders ungeduldige – wie an diesem Morgen eine anderer Minibus – weichen auch einmal aufs Trottoir aus, um eine stehende Kolonne zu ьberholen. Die Unordnung hat den Vorteil, dass der Platz optimal genutzt wird. Anderseits fьhrt das Chaos zu vielen Unfдllen. Praktisch an jedem Morgen fahre ich an demolierten Autos vorbei. Aber vielleicht sind die Unfдlle auch auf die schlechte Sicht zurьck zu fьhren: Ausser der Windschutzscheibe sind die anderen Fenster aufgrund der Kдlte meist beschlagen. Zudem ist die Sichtbeeintrдchtigung durch die Abgasemissionen durchaus betrдchtlich. Zur Hauptverkehrszeit sollte man daher aus gesundheitlichen Grьnden besser nicht an den grossen Verkehrsachsen entlang gehen. Neben der ungeordneten Fahrweise ist besonders die Diversitдt der Autos bemerkenswert: Die einen sind links gesteuert, die anderen rechts. Und von der stalinistischen Dreckschleuder bis zum modernen Japaner ist hier alles zu sehen.

So standen wir also im Stau: Ich, der Chauffeur und eine rundliche Russin im fortgeschrittenen Alter. Von wo ich denn komme, fragte sie, nachdem sie bemerkt hatte, dass ich kein Russe sein konnte. Aus der Schweiz, sagte ich. Oh – die Schweiz. Fьr die Russen sei die Schweiz so etwas wie ein kleines Paradies, meinte sie. Sie arbeitet in Irkutsk fьr eine Versicherungsgesellschaft und wollte wissen, wie das denn bei uns so lдuft mit den Versicherungen. Ein schwieriges Thema, aber das Wцrterbuch war mir eine grosse Hilfe. Frьher habe sie in der Fabrik gearbeitet, aber die sei nun geschlossen. Alle Fabriken wьrden geschlossen, aber keine neuen mehr aufgemacht. Kein Wunder, schwindet die Bevцlkerung im Gebiet Irkutsk im Durchschnitt um 4 Prozent. Irkutsk ist reich an Bodenschдtzen und natьrlichen Ressourcen – Gold, Kohle, Цl, Gas, Holz und Wasserenergie. Aber produziert wird hier praktisch nichts mehr ausser Papier und Aluminium. Arbeiten die Menschen nicht in dieser Industrie, bleibt nur noch das Gastgewerbe oder der Kleinhandel mit irgendwelchen Produkten aus China. In Irkutsk gibt es unzдhlige Einkaufszentren und Mдrkte, die alle etwa dasselbe verkaufen. Rating-Agenturen wie Standard&Poors sehen fьr das Gebiet Irkutsk in Zukunft zwar eine positive wirtschaftliche Entwicklung und auch in den vergangenen Jahren ist die Wirtschaft kontinuierlich gewachsen. Den Menschen allerdings helfen diese Zahlen wenig: Die Gehдlter sind tief und die Inflation ist hoch. Kostete das Brot letztes Jahr noch 4 Rubel, sind es heute bereits 10 Rubel.

Die Menschen die hier nicht fort wollen oder nicht fort kцnnen, mьssen sich irgendwie durchschlagen. Auf dem Markt verkaufen sie zum Beispiel, was im Sommer im Garten gewachsen ist: Eingemachtes Gemьse, Beeren. etc. Bei minus 25 Grad harren sie aus, vor sich auf einer Kartonschachtel oder Holzkiste ein paar Einmachglдser, Kohl oder Kartoffeln in einem Eimer. Vielleicht auch ein, zwei Gдnse oder Schweinefьsse. Die Schwester meiner Gastmutter, Olga, ist Rentnerin. Ьber 30 Jahre hat sie in der Fabrik gearbeitet. Nun arbeitet sie in einem Kiosk fьr 60 Dollar im Monat, die Rente reicht nicht aus. Auch meine Gastmutter muss schauen, wie sie ьber die Runden kommt. Auch sie hat in der Fabrik gearbeitet. Sie war fьr die Planung der Produktionskosten verantwortlich. Anfang der 90er Jahr hat sie 6 Aktien а je zwei Rubel erhalten. Was sie damit sollte, hat sie nicht verstanden. Sie hat die Aktien verkauft. Die Kдufer haben Fabriken und damit auch Maschinen fьr ein Butterbrot erhalten. Die Maschinen in ihrer Fabrik, so meinte Nadjeschda, hдtten sie nach China verkauft. Nun putzt Nadjeschda die Wohnung von Leuten, die sich das leisten kцnnen. In den harten Zeiten hat sie selbst gefьllte Teigtaschen gebacken und auf der Strasse verkauft. Sie ist bestimmt auch froh, dass ich vier Wochen hier bin und etwas Geld einbringe. Die Wohnung mьsste man renovieren, meinte sie. Aber dazu fehle das Geld. Weil sie kein Geld fьr Handwerker hat, muss sie alles selbst machen. Die Kьche – so meint sie – habe sie selber tapeziert. Olga – Nadjeschdas Schwester - meint, dieser ganze Wandel sei psychologisch sehr schwer zu verkraften.

In dieser Situation erstaunt es wohl kaum, dass die Menschen keine Zeit haben, um sich mit Politik zu beschдftigen. Und von den Politikern halten sie auch nicht viel. Schliesslich sind heute die an der Macht, welche die Fabriken fьr ein Butterbrot gekauft und die besten Teile davon fьr gutes Geld verkauft haben. Sie verstehe das nicht – meint Nadjeschda. Frьher hдtten sie alles selbst gemacht. Nun werde alles von China importiert. Dabei sei die Qualitдt dieser Ware sehr schlecht.

16.12.2004

Irkutsk: Endlich finde ich wieder Zeit fьr mein Tagebuch. Viel Zeit ist vergangen und ich habe vieles erlebt. Gestern bin ich in Irkutsk, Sibirien, angekommen. Ich werde hier insgesamt vier Wochen bleiben, um mein Russisch zu verbessern. In Moskau bin ich neben der Arbeit einfach zu wenig dazu gekommen, meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Das will ich jetzt nachholen: 4 Stunden pro Tag plus ein paar Stunden Hausaufgaben sollten mein Russisch auf Vordermann bringen. Ich bin hier bei einer Gastfamilie untergebracht, die mich gut verpflegt.

Letzte Woche war ich in Moskau an der Deutsch-Russischen Mittelstandskonferenz. Es ist wirklich unglaublich, wie viele Deutsch-Russische Anlдsse hier stattfinden. Und zwar auf allen Ebenen – von Politik bis Kultur. Dieses Jahr war auch das Deutsch-Russische Kulturjahr. In dessen Rahmen fand heuer in Moskau zum ersten Mal ein deutscher Weihnachtsmarkt statt. Da gibt es Glьhwein, Apfelstrudel, Brezel und deutsche Weihnachtslieder. Zurьck zu Politik und Wirtschaft. Bereits im Juli fand ja in Petersburg das Gipfeltreffen zwischen Putin und Schrцder statt. Dabei ging es hauptsдchlich um wirtschaftliche Fragen. Aber nicht nur die Politik mцchte Deutschland und Russland nдher bringen. Es ist vor allem auch die Wirtschaft. Im Oktober fand in Stuttgart eine vom Deutschen Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft organisierte Investorenkonferenz fьr mittelstдndische Unternehmen statt. Nun fand am 8. Dezember eine Deutsch-Russische Mittelstandskonferenz in Moskau statt, organisiert von den jeweiligen Handelskammern. Dem russischen Mittelstand geht es schlecht. Er trдgt nur gut 10 Prozent zur russischen Wertschцpfung bei, wдhrend es in westlichen Staaten ьber 50 Prozent sind. Hauptproblem dabei sind nicht nur die suboptimalen staatlichen Rahmenbedingungen, sondern vor allem das Bankensystem. Nur gerade 1 Prozent des Mittelstandes finanziert sich ьber Bankkredite. Auf diese Weise ist es natьrlich schwierig, die Wirtschaft zu diversifizieren. Weil die russischen Banken dies nicht tun, tun es eben westliche Institutionen. Die deutsche Kreditanstalt fьr Wideraufbau wird bis 2005 mit russischen Regionalbanken Refinanzierungskredite ьber 50 Millionen Euro abschliessen, die mittelstдndischen Unternehmen zu Gute kommen sollen. Dabei sollen die Partnerbanken auch mit der notwendigen Kredittechnologie beliefert werden. Derweilen unterstьtzt die EBRD (Europдische Bank fьr Wiederaufbau und Entwicklung)den russischen Mittelstand mit ьber einer Milliarde Euro. Die zarte Pflanze wird zurzeit wirklich umsorgt. Ich hoffe, dass Deutschland vor lauter Organisationen noch weiss, wer was in Russland fьr den Mittelstand tut.

Die Deutschen scheinen auf alle Fдlle im Moment ganz wild auf Russland zu sein: „Das einzige Risiko was es gibt, ist heute nicht in Russland zu sein“, lautet der Slogan des Deutschen Botschafters in Moskau. Und die Vertreter der Wirtschaftsministerien der deutschen Lдnder wollten sich an der Konferenz gegenseitig ьberbieten. Es wдre dabei fast zum Streit gekommen. Am erfolgreichsten in der Fцrderung des Mittelstandes ist Bayern – ьber 50 Prozent der deutschen Mittelstдndler in Russland kommen aus Bayern. Die Wachstumschancen sind in Russland im Moment so gross, dass viele Unternehmen auch die bьrokratischen Hindernisse in Kauf nehmen. Der Tapetenhersteller Erismann, der seit diesem Jahr in Russland produziert, wartete zum Beispiel zwei Jahre auf eine Baubewilligung. Der Trotzdem sei man mit der Investition immer noch zufrieden. Allerdings war man auch unter Druck gekommen: Man habe den Entscheid, in Russland zu produzieren, vor allem gefдllt, weil sich die Qualitдt der russischen Konkurrenz stark verbessert haben. Ьbrigens: Der Milchverarbeitungsbetrieb „Ehrmann“ legte den Grundstein fьr sein Werk in Russland eine Woche nach der Krise von 1998. Das deutsche Vertrauen in Russland ist entweder unerschьtterlich oder aber die Verzweiflung ьber den Mangel an anderen Wachstumsmдrkten lдsst ihnen keine andere Wahl. Zurzeit scheint sich Russland auf alle Fдlle zu lohnen: Die Vertreterein des Filterherstellers „Hummel+Mann“ sprach von 13 Prozent Umsatzwachstum von jдhrlich 13 Prozent. Vielleicht noch eine Geschichte zur russischen Bьrokratie und den russischen Bьrokraten, die der Leiter des Kдseherstellers „Hochland“ zu erzдhlen wusste. Seine Fabrik 25 Kilometer ausserhalb von Moskau produziert mit Hilfe von Erdgas ihren benцtigten Strom selbst. Bei der Abnahme des Generators meinte der Beamte, es benцtige immer vier Personen, welche die Maschine ьberwachten. Dies, obwohl es sich im einen modernen Generator handelt, der keine stetige Ьberwachung braucht. Die Erklдrung ist ganz einfach. Das russische Gesetz, das in diesem Fall anwendbar ist, stammt noch aus der Zeit der Dampfkessel. Der Beamte, will er den gesetzesgetreu handeln, muss also diese Norm durchsetzen. Die Administration hat dabei allerdings auch kein grosses Interesse, das Gesetz anzupassen: „Die russischen Vorschriften, sind so ausgestaltet, dass man sie gar nicht erfьllen kann und daran verdient man dann.“ Der deutsche Unternehmer musste also mit dem russischen Beamten einen Kompromiss finden, mit dem beide Seiten leben konnten.

Ich bin am 14. Dezember per Flugzeug nach Irkutsk geflogen – mit Aeroflot. Eigentlich wollte ich erst am 16. Dezember fliegen, aber die „nette Dame“ am Schalter hatte das Ticket falsch ausgefьllt. So ist das eben hier in Russland – der Kunde ist meist nicht Kцnig. Wenn man nochmals nachfragt, kann es gut passieren, dass man den Zorn der Verkдuferin erntet: „Das habe ich Ihnen doch bereits erklдrt!“ Eigentlich wollte ich auch mit Kreditkarte zahlen. Aber als ich die Karte zьckte, meinte die Schalterdame: „Das hдtten sie mir vorher sagen mьssen!“ – Aber wie hдtte ich – im Gegensatz zu ihr – das vorher wissen sollen, dass ich das hдtte vorher sagen sollen. So musste ich eben das Geld am Geldautomaten beziehen, was bekanntlich 10 Franken Kommission kostet.

Russland kann einem auch auf die Nerven gehen. Die Reise nach Sibirien hatte ich bereits seit lдngerer Zeit geplant, aber so kurz vor Weihnachten spьrte ich doch hin und wieder auch das Verlangen, ьber Neujahr in die Schweiz zu fliegen. Aber wenn man erst einmal unterwegs ist, kommt normalerweise alles gut.

Auch dieses Mal bestдtigte sich diese Regel: Ich war glьcklich, dass ich es rechtzeitig zum Flughafen geschafft habe. Auf dieser Strecke staut sich der Verkehr oft und lange. Meine Mitbewohnerin wollte vor zwei Wochen nach London fliegen. Hat es aber nur bis in die Moskauer Vorstдdte geschafft. Da ich frьhzeitig losfuhr, kam ich gerade noch durch. Einen Zug zum Flughafen Sheremetyevo gibt es ьbrigens nicht. Von der letzten Metrostation bis zum Flughafen ist es immer noch eine halbe Stunde Autofahrt. Ich nahm ein Taxi fьr 300 Rubel. Der Chauffeur wollte eigentlich 400 haben, aber mittlerweile weiss ich, wie man mit den Russen zu verhandeln hat: Einfach „net“ sagen, die Taxi-Tьre mit Schwung ins Schloss fallen lassen und weiter laufen. Er sah es ein und rief mich zurьck. Schnell nahm er sein gelbes Taxi-Schild vom Autodach und chauffierte mich zum Sondertarif.

Ein bisschen mulmig war mir ja schon als ich zum Flughafen fuhr. Immerhin wurden zwei Flugzeuge von Aeroflot diesen August auf ihrem Flug in den Kaukasus in die Luft gesprengt. Und Renata, die bei der MDZ ein Praktikum macht, meinte, mein Flugzeugtyp, mit dem ich fliege, habe nicht gerade den besten Ruf. Aber erstens kann man auch mit Crossair oder mit Swissair abstьrzen: Neu heisst ja nicht immer auch sicher. Die russischen Fabrikate sind prinzipiell nach dem Kalaschnikow-Prinzip gebaut – sie mьssen bei jeder Temperatur und allen Verhдltnissen funktionieren. Zweitens flog ich Richtung Osten und nicht Richtung Sьden. Die Sicherheitskontrollen machen es Terroristen zurzeit zudem ziemlich schwer. Bereits um in die Abflughalle zu gelangen musste mein Gepдck das erste Mal durch einen Scanner und ich durch eine Sicherheitsschranke. Bevor man zum Ein-Checken kann, wird nochmals gescannt. Meine Schuhe musste ich ebenfalls ausziehen und aufs Laufband stellen. Amьsant ist ьbrigens die Verpackungstechnik der Russen. Die meisten haben wohl kein Geld fьr anstдndige Koffer und packen alles in billige Sport- und andere Nylontaschen. Am Flughafen steht dann eine Maschine bereit, bei der man das Gepдck in mehrere Schichten Plastikfolie einwickeln lassen kann. Allerdings gibt es auch Russen, die ihr Gepдck selbst mit Plastikband versiegeln. Wie viele Rollen sie dabei jeweils brauchen, will ich gar nicht wissen. Und wie sie das Gepдck dann wieder цffnen, erst recht nicht.

In der Wartehalle vor dem Gate lernte ich noch Andrej und seine Freunde kennen. Ich hatten vor dem Einchecken Skier und Snowboards bei sich, deshalb habe ich sie angesprochen. Sie waren auf dem Weg nach Sochi beziehungsweise Krasnaya Polyana am Schwarzen Meer. Das soll ein ziemlich gutes Skigebiet zum Freeriden sein. Da der Wetterbericht viel Neuschnee angesagt hatte, haben sie sich kurzerhand entschieden von Mittwoch bis Freitag runter zu fliegen. Andrej ist der Besitzer eines Ski-, Snowboard- und Surfgeschдfts in Moskau. Deshalb kann er einfach so unter der Woche frei nehmen. Wie er mir verriet soll es ьbrigens ausserhalb von Moskau sehr gute Seen zum Kite-Surfen geben. Mal schauen, vielleicht werde ich Andrej und seine Jungs im Februar auf einem Trip begleiten. Sein Laden scheint ganz gut zu laufen – Anfang Januar fliegt er in die Schweiz, um in Verbier Skiurlaub zu machen.

Ich hatte Fensterplatz gebucht. Leider kam ich jedoch zu spдt. Ich stieg als erster in den Autobus zum Flugzeug ein und daher logischerweise als letzter wieder aus. Unten an der Gangway stand eine Tьrsteherin, welche die Passagiere nur nach und nach in Gruppen einsteigen liess. Ich war in der letzten Gruppe. Als ich im Flugzeug ankam sass bereits jemand auf meinem Platz. Als Fremder wollte ich keine Probleme machen und setzte mich in den mittleren der drei Sessel in der Reihe 18. Ich hatte Glьck: Erstens war der unfreundliche Sesselklauer ganz nett und zweitens sein Fensterplatz ein sehr unangenehmer Ort – genau neben einem Notausgang. Die Tьre war nicht ganz dicht, so dass kalte Luft rein kam und sich am Rahmen langsam Eiskristalle bildeten. Mein Nachbar startete nach 2 Stunden Flug sein Notebook, das ihm ein bisschen Wдrme spenden sollte. Mein Platz war schцn warm. Dafьr war der Platz fьr die Beine sehr begrenzt. Unter anderem auch, weil ich – wie alle anderen auch – mein Handgepдck unter den Sitz legen musste.

Ansonsten aber war der Flug sehr angenehm: Man hatte die Wahl zwischen Fisch, Crevetten oder Poulet. Ich habe mich fьr die Lachstranche mit Reis entschieden. Dazu gab es Salat. Zwar ohne Sauce, dafьr aber auch zum Glьck ohne Mayonnaise, wie das hier in Russland sonst ьblich ist. Sogar ein Glas mediokren argentinischen Rotwein musste man nicht extra bezahlen. Und mein Nachbar – ein Armenier - war ein guter Gesprдchspartner. Er hat in Eriwan irgend etwas Technisches studiert und dort zuerst fьr ein Institut gearbeitet, das irgend welche kosmische Energien zu messen versuchte. Dabei hдtten sie auch mit Wissenschaftern aus Zьrich zusammen gearbeitet. Heute entwickelt er Software fьr den Mobilfunktelefonhersteller Ericsson und fliegt die ganze Zeit quer durch Russland. Er ist gerade dabei, Franzцsisch zu lernen. Nur sei es sehr schwierig, in Russland Leute zu finden, mit denen er Franzцsisch sprechen kцnne. Leider habe ich ihm verraten, dass ich Franzцsisch spreche, so das mein Russisch wieder einmal zu kurz kam. Ich habe mir geschworen, von jetzt an niemandem mehr zu verraten, dass ich irgend eine Fremdsprache ausser Russisch beherrsche.

Ich habe dann versucht, mit meiner Sitznachbarin zu meiner Rechten ins Gesprдch zu kommen – was ein Fehler war. Sie lebte in Irkutsk und handelte mit Kleidern. Sie kam gerade aus einer Geschдftsreise nach Warschau zurьck. Leider wollte ihr Redeschwall, von dem ich nur Bruchteile verstand, nicht mehr enden, sodass ich mich in die Passagierzeitung von Aeroflot flьchtete. Zwar verstand ich hier auch nicht viel mehr, aber es war zu mindest interessant: Die Schweiz ist gut vertreten – vor allem mit Uhren. Sehr unterhaltsam war ein Reisebericht ьber Zermatt. Die russische Journalistin lobte das Schweizer Kurort in den hцchsten Tцnen: Alles sei ruhig, sauber, niemand trinke auf der Strasse und das Wasser kцnne man ab Leitung trinken. Alles fliege – die Vцgel, die Snowboarder, die Skifahrer und so weiter. Unter den Rubriken „Wo isst man“ und „Wo schlдft man“ waren nur die feinsten Adressen angegeben – unter fьnf Sterne geht gar nichts. Kaum ein Russe kann sich wohl die Ьbernachtungskosten von 800 Dollar leisten. Aber da es nun einmal so viele Russen gibt, sind immer noch genug reiche darunter, von denen Zermatt sehr gut leben kann.

Bereits nach zwei Tagen in Irkutsk kann ich sagen, dass es sich auch hier selbst im Winter leben lдsst. Zwar hatte ich gestern bereits meine Zweifel, als der Strom fьr ein paar Stunden in der ganzen Stadt ausfiel, aber die Heizung im Zimmer lдuft stets auf Hochtouren und meine Gastmutter meinte, ein solcher Stromausfall sei sehr selten. Die Kдlte hдlt sich bisher auch in einem menschlichen Rahmen. Morgen soll es allerdings kдlter werden. Auf alle Fдlle werde ich hier mit Sicherheit weisse Weihnachten erleben.

Im Gegensatz zu Moskau ist Irkutsk eine Kleinstadt – es zдhlt, wie mir gesagt wurde, rund 500'000 Einwohner. Auch wenn es hier auch die „modernen“ russischen Quadrathдuser gibt, sind hier viele Hдuser noch nach der alten russischen Art aus Holz gebaut. Der chinesische Einfluss ist bereits spьrbar: Auf den Baustellen arbeiten praktisch nur Chinesen und es gibt hier sogar einen „Shanghai-Markt“. In Irkutsk gibt es unzдhlige Mдrkte, Lдden und mehrere Warenhдuser. Das Angebot muss weit ьber der Nachfrage liegen. Praktisch alles kommt aus China. Den Kebab – hier „Schaurma“ genannt – gibt es allerdings auch hier, nur dass er noch auf echtem Feuer gegrillt wird.

Einen ersten Eindruck in die politischen Verhдltnisse habe ich mir ьber die Homepage von Irkutsk verschafft. Da gibt es die Rubrik „Prдsidialverwaltung“ und die Rubrik „Duma“ (Parlament). Bei der Verwaltung kцnnen die einzelnen Ministerien angeklickt werden. Diese tragen immer noch den alten sowjetischen Namen „Komitee“. Unter der Rubrik Duma kann die Geschichte der Legislative nachgelesen werden, nichts aber ist ьber derzeitige Debatten oder Gesetze zu erfahren. Die Duma hat hier wohl nicht viel zu berichten.

6.12.2004

Tauwetter in Moskau – Kaukasische Trinksprьche: Eigentlich wollte ich heute noch ein paar Weihnachtsfotos machen, aber das Wetter ist gar nicht danach. Es ist warm in Moskau – ьber 0 Grad. Kдlter wдre mir lieber: Ьberall liegt Matsch und es bilden sich riesige Pfьtzen – sodass man nur im Zickzack gehen kann. Ausserdem besteht Lebensgefahr: Riesige Eisbrocken und -zapfen fallen von den Hдuserdдchern. Sie fallen einerseits, weil es warm ist, anderseits gibt es aber auch stдdtische Arbeiter, die den Auftrag haben, das Eis zu entfernen.

Heute nahm ich es etwas ruhiger. Von 10 bis 12 war ich im Russischunterricht bei Natascha. Und um 14 Uhr traf ich mich zum Tee mit Alexandra Stark, der SDA-Korrespondentin hier in Moskau.

Natascha, meine Russischlehrerin, ist bereits etwas дlter – ich schдtze so um die 60. Da sie Rьckenprobleme hat und nicht mehr aus dem Haus kann, unterrichtet sie bei sich in der Wohnung. Sie ist eine sehr herzliche Person und kьmmert sich wie eine Mutter um ihre Schьler: Vor dem Unterricht gibt es bei ihr in der Kьche immer Kaffee oder Tee und ein Butterbrot mit Kдse.

Am letzten Samstag hat Natascha all ihre Schьlerinnen und Schьler plus ein paar russische Freunde zu einem russischen Mittagessen eingeladen: Es gab Fisch, Borsch (Suppe mit Kohl, Kartoffeln, Zwiebeln und rote Bete), Kartoffel-Puffer, Дpfel mit Honig und natьrlich Wodka. Der ganze Spass begann um 3 Uhr nachmittags und dauerte so zirka bis 9 Uhr abends. Je lдnger das Essen, desto besser die Stimmung und desto lдnger die Trinksprьche. So gegen 19 Uhr, als auch der Kreis etwas kleiner geworden war, kam Natascha ins Erzдhlen und gab ein paar kaukasische Trinksprьche zum besten. Die Kaukasier – so Natascha – wьrden die Kunst der schцnen Worte mit erhobenem Glas am besten beherrschen. Daher kann auch nicht von Trinksprьchen, sondern eher von Trinkgeschichten die Rede sein.

Hier die erste: Es waren einmal drei Rosen. Sie wollten lieben und geliebt werden. Natьrlich nicht von irgendeinem Rinnsal oder Fluss; nein – natьrlich nur vom grossen und mдchtigen Ozean. So machten sie sich auf den Weg. Sie waren bereits lange unterwegs und Durst plagte sie, als sie an einem kleinen Bach vorbeikamen. Der Bach aber wollte sie nur trinken lassen, wenn sie ihm als Gegenleistung ihre zarten Rosenblдtter gaben. Die дlteste Rose war zu stolz und ging weiter, ohne zu trinken. Die mittlere Rose gab dem Bach ihre Blдtter und trank. Die jьngste Rose sagte dem Bach, sie wolle zuerst trinken und dann ihre Blдtter geben. Der Bach liess die kleine Rose trinken. Diese allerdings zog weiter, ohne dem Bach auch nur ein Blatt zu geben. So kamen sie am grossen Ozean an: Die дlteste Rose war verdorrt, weil sie nichts getrunken hatte. Die mittlere Rose war blattlos und hдsslich. Die jьngste Rose aber war in voller Blьhte und wunderschцn. Der Ozean verliebte sich in sie und nahm sie in seine grossen Arme. „Daher lasst uns auf die Frauen trinken, die immer wissen, wem sie was, wie viel und wann zu geben haben.“

Die zweite Geschichte: Es war einmal ein Dorf, dessen Einwohner immer hungern und dursten mussten. Denn ausserhalb des Dorfes lebte ein Monster, das nicht nur jeden Tag mit Kдse, Fleisch und Brot gefьttert werden wollte, sondern auch fьr jede Nacht eine junge und hьbsche Frau verlangte. Eines Tages wurde ein besonders schцnes Mдdchen zu ihm geschickt. Am nдchsten Morgen sagte das Monster zum Mдdchen: „Die Nacht mit Dir war wunderschцn, du hast darum drei Wьnsche.“ „Nun“, sagte das Mдdchen „ich wьnsche mir nochmals so eine Nacht mit Dir.“ „Ah ja“, staunte das Monster unglдubig, „aber nun gut“, dachte es. Nach der folgenden Nacht fragte das Monster: „Und was ist Dein zweiter Wunsch?“ „Nochmals so eine Nacht“, sagte das Mдdchen. Am anderen Morgen fragte das Monster: „Und was ist Dein dritter Wunsch?“ „Nochmals so eine Nacht“, meinte das Mдdchen. Und am Morgen nach der dritten Nacht geschah ein Wunder: Das Monster hatte sich in einen Prinzen verwandelt. „Deshalb lasst uns auf die Frauen mit den guten Herzen trinken, die aus einem Monster einen Prinzen machen.“

Wie bereits gesagt, habe ich heute Alexandra Stark, die hier in Moskau unter anderem fьr die SDA arbeitet, getroffen. Sie hat in St. Gallen Staatswissenschaften studiert und dann die Ringier-Schule absolviert. Ich denke, sie ist, was man eine Vollblut-Journalistin nennen wьrde. Sie ist selbststдndig und schreibt fьr alle mцglichen Zeitungen und Zeitschriften. Ihre Wohnung ist auch ihr Arbeitsplatz – hier stapeln sich Zeitungen, Ordner und Bьcher. Allerdings ist bei ihr bereits eine gewisse Russland- bzw. Moskaumьdigkeit spьrbar - ein Phдnomen, das ich bereits bei mehreren Personen feststellen konnte, die bereits lдnger hier sind. Russland ist faszinierend, weil sich zurzeit viel verдndert, weil es so gross und weil es anders ist, weil die Menschen anders denken, weil vieles anders funktioniert. All das ist spannend zu ergrьnden und zu erfahren. Alsbald aber die Tiefen der russischen Seele ergrьndet sind und man realisiert, dass sich vieles auch nicht so schnell дndern wird, fдllt es einem schwerer, die Hindernisse und Lдstigkeiten des russischen Alltags hinzunehmen. Besonders seit Beslan, habe sie dieses Gefьhl, nicht mehr lange hier sein zu wollen, sagte Alexandra Stark. Das Denken der Menschen und wohl auch der Eindruck, dass sich dies nicht so schnell дndern wird, macht ihr Mьhe. Sogar gut ausgebildete Russen mit Auslanderfahrung wьrden argumentieren, dass die Amerikaner Schuld am Konflikt in Tschetschenien seien. Die Aufklдrung sei an Russland einfach vorbei gegangen, meinte sie. Und nach zehn Jahren Journalismus mьsse sie jetzt einfach etwas anderes machen. Allerdings kцnne sie sich gut vorstellen, spдter wieder nach Russland zurьck zu kommen.

2.12.2004

Alexander Newski: Nun bin ich bereits ьber einen Monat in Moskau. Es sind zwar noch nicht 100 Tage vorbei, aber dennoch wage ich es, eine erste Bilanz zu ziehen: Im Prinzip hat sich alles sehr positiv entwickelt. Ich hatte auf keinen Fall erwartet, dass ich bereits nach einem Monat einen Artikel an die BernerZeitung und an die NZZ verkaufen kцnnte. Diese Tatsache ist fьr mich eine grosse Bestдtigung und eine Motivation, meinen eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Die erste Nervositдt hat sich gelegt und ich habe auch bereits einiges gelernt. Zu Beginn war ich wahrscheinlich fast ein bisschen ьbermotiviert; dachte vielleicht auch, ich mьsste mich beweisen. Inzwischen - mit den ersten positiven und negativen Erfahrungen (wobei auch negative Erfahrungen durchaus positv sein kцnnen) - habe ich so etwas wie eine innere Ruhe und Ьberzeugung gefunden, auch wenn Moskau einem nicht viel Ruhe lдsst.

Diese Woche ist die zweite Ausgabe der Moskauer Deutschen Zeitung mit meiner Beteiligung erschienen und ich habe zum ersten Mal Geld fьr meine Arbeit erhalten - immerhin 2800 Rubel, zirka 100 Dollar. Das ist nicht viel, aber im Moment ist das Geld auch nicht vorrangig. Die Menschen die ich hier treffe und die Erfahrungen, die ich mitnehme ьberwiegen alles.

Endlich habe ich auch ein "Zuhause" gefunden, in dem ich mich wohl fьhle - auch wenn es sich um eine alte Wohnung im sowjetischen Stil handelt. Endlich muss ich mich nicht mehr von Sicherheitskrдften kontrollieren lassen, wenn ich nach Hause mцchte und kann auch jemanden einladen, wenn ich will. Die Wohnung liegt zudem zentraler als die Universitдt. Der einzige negative Punkt ist mein Russisch. Vor lauter Arbeit bin ich nicht dazu gekommen, meine Sprachfдhigkeiten zu verbessern. Ich habe mir jetzt aber vorgenommen, mich vor allem auf die Sprache zu konzentrieren. Fьr die nдchste Ausgabe der MDZ werde ich daher weniger beitragen.

Highlight des letzten Wochenendes war mein erster Besuch im Bolschoi Theater. In Russland stehen zwar sehr viele Plattenbauten, aber die Russen haben auch sehr schцne Gebдude und vor allem Rдume. Dazu gehцrt die Villa des Aussenministeriums, wo ich anlдsslich des Besuchs von Frau Calmy-Rey Einlass geboten bekam, aber natьrlch auch das Bolschoi Theater. Im Rahmen des deutsch-russischen Kulturjahres wurde der russische Propaganda-Film "Alexander Newski" von Eisenstein gezeigt, wobei die Berliner Philharmonika die von Prokowiew komponierte Filmmusik spielte. Der Film wurde 1938 am selben Ort uraufgefьhrt - als Propaganda-Film gegen die Deutschen. Alexander Newski ist zum russischen Nationalhelden geworden, weil er 1240 die Schweden an der Newa bei St.Petersburg und 1242 schliesslich auch die deutschen Kreuzritter auf dem zugefrorenen Peipussee besiegte. Der Film handelte natьrlich von dieser zweiten Schlacht und dem gloriosen Sieg der Russen, die alle zu den Waffen griffen (auch die Bauern und die Frauen). Die Deutschen waren die Bцsen, verbrannten Kinder und hatten irgendwelche brutalen Helme auf. Die russischen Frauen wollten natьrlich weder schцne und kluge noch lustige oder reiche Mдnner. Nein! Sie wollten nur einen tapferen Mann haben. Die Deutschen, die schwerer waren als die russischen Kдmpfer, brachen schliesslich im Eis ein und ertranken elendiglich im kalten Wasser.

So sassen Russen und Deutsche in einem Saal, es lief ein alter antideutscher Propaganda-Film und ein deutsches Orchester untermalte die Bilder unterwьrfig mit Musik. Eine fьhrwahr christliche Geste nach dem Grundsatz "liebe Deine Feinde" oder "dann halte auch die andere Wange hin" - es sollte zur Vцlkerverstдndigung beitragen. Es fragt sich nur, wer diese Botschaft alles vernehmen wird? - Die Mehrheit der Russen kaum. Die Mehrheit hat weder Zeit noch Geld, um ins Bolschoi Theater zu gehen oder eine Reise in den Westen zu unternehmen. Und fьr viele ist Moskau sowieso weit weg. Die Mehrheit der Moskauer sitzt nicht in schцnen Sддlen, sondern in Plattenbauten weit draussen in den Vororten der Hauptstadt.

Was steht noch an. Morgen steht ein Interview auf dem Zeitplan mit Herrn Milov - ein Experte bezьglich russischer Energiepolitik. Mal schauen ob es klappt, der Termin wurde bereits ein paar Mal verschoben. Am Samstag lдdt Natascha - meine Russischlehrerin - alle ihre Schьler auf ein russisches Mittagessen zu sich nach Hause ein. Darauf freue ich mich bereits.

27.11.2004

Da bin ich wieder: Ueber zehn Tage hat es gedauert, bis ich wieder die Zeit finde, um einen Eintrag in mein Tagebuch zu machen. Aber auch kein Eintrag, ist ein Eintrag. Ich habe im Moment soviel arbeit, dass meine Homepage darunter leidet. Manche von meinen Freunden wuerden auch schon lange gerne ein paar Fotos auf der Seite sehen. Allerdings ist dies nicht so einfach, denn das Internet auf der Redaktion der Moskauer Deutschen Zeitung ist so langsam, dass es sehr viel Zeit braucht, um nur ein einziges Bild hochzufahren. Ab naechster Woche sollte das bessern. Ich werde das Studentenheim verlassen und zusammen mit einer Russin in einer Zweizimmerwohnung leben. Dort kann ich dann endlich mein Notebook online schalten und endlos Bilder hochladen. Ich werde naechste Woche unseren Layouter fragen, meine Bilder web-gerecht aufzubereiten und dann sollte es schnell gehen. Ich habe bereits sehr viele Bilder gemacht. So auch letztes Wochendende als ich in Yaroslawl war. Die Stadt liegt etwa 4 Stunden nordoestlich von Moskau an der Wolga. Leider wurde der Express-Zug seinem Namen nicht gerecht und hatte zwei Stunden Verspaetung. Aber langweilig wurde es mir auf der Zugfahrt trotzdem nicht und den Russen sowieso nicht - ich habe kein maennliches Wesen auf diesem Zug getroffen, das nicht angetrunken war. Besonders im Bistro-Wagen floss der Vodka in rauhen Mengen. Wie von der Architektur her zu sehen war, musste Yaroslawl einst eine bluehende Stadt gewesen sein. Doch viele Haeuser sind in einem schrecklichen Zustand. Trotzdem strahlt die Stadt, im Gegensatz zu anderen russischen Staedten, eine gewisse Waerme und eigenen Charakter aus, auch wenn am letzten Wochendende ein Schneesturm ueber die Stadt hinwegzog. Die Menschen lassen sich davon nicht so leicht beeindrucken und halten Kaelte, Wind und Schnee lange stand. Die Marktfrauen denken nicht daran, zusammenzupacken, auch wenn Obst, Gemuese, Schuhe oder Socken bereits mit einer Schicht Schnee ueberzogen sind. Der Winter ist nun richtig ausgebrochen in Moskau. Diese Woche sank das Termometer bis minus 13 Grad und es liegt zirka 20 Zentimeter Schnee in der Stadt. Der Stadt selbst und allgemein russischen Staedten kann diese Schneeschicht nicht schaden. Wie Make-Up ueberdeckt der Schnee die Schoenheitsfehler. Trotz der Kaelte muss ich in meinem Zimmer auf keinen Fall frieren. Die Heizung lief diese und letzte Woche auf hochtouren, sodass ich hin und wieder das Fenster aufmachen musste. Selbst in neueren Gebaeuden laesst sich die Heizung in Russland nicht regulieren. Einzig das Fernwaermewerk entscheidet darueber, ob ich friere oder schwitze.

16.11.2004

Die erste Ausgabe - der erste Schnee: Endlich ist es vollbracht: Heute war Redaktionsschluss fuer die erste Ausgabe der Moskauer Deutschen Zeitung, bei der eigene Beitraege von mir dabei sind. Eigentlich hatte ich noch ein Artikel mehr geplant, aber weil das ganze noch unausgereift war, habe ich darauf verzichtet, den Beitrag zur Liberalisierung des russischen Elektrizitaetssektors zu veroeffentlichen. Ich werde aber am Thema dranbleiben. Ein Leckerbissen war bestimmt die Rede gestern von Wolfgang Schaeuble. Es war eine sehr konsistente Analyse und Beurteilung der derzeitigen Weltpolitik und den Beziehungen zwischen der EU, Russland und den USA. Insgesamt bin ich mit der Qualitaet der Artikel noch nicht ganz zufrieden. Ich bin hier noch nicht ganz angekommen und kann noch nicht genug entspannt an die Sache ran gehen. Zudem moechte man es besonders am Anfang moeglichst gut machen und das hemmt einen manchmal auch. Man denkt zuviel. Bis ich mit mir zufrieden bin, braucht es aber auch viel. Thema bei Seite: Heute war ich an einer Konferenz zum Thema "Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung". Ich hoffe, einen Artikel in der naechsten Ausgabe dazu publizieren zu koennen. Da die heutige Pressekonferenz aber nicht sehr viel hergab, werde ich morgen noch bei der regulaeren Konferenz reinhoeren. Es war wirklich eine schlechte, aber dafuer eine unterhaltende Pressekonferenz. Nachdem sie sehr unterkuehlt begonnen hatte, gerieten sich die Englaender und der anwesende Russe in die Haare. Zankapfel war die Politik der EU gegenueber der Ukraine und Russland im allgemeinen. Der Russe, der in irgendeinem Sicherheitsausschuss taetig ist, meinte die EU lasse nur die Muskeln spielen, die sie nicht habe. Zudem werde die EU langsam verwaessert und schwaecher, je groesser sie werde. Ein Beitritt der Ukraine zur EU sei deshalb nicht zu erwarten. Die Englaender stimmten zwar zu, dass die EU mit zunehmender Groesse heterogener und somit wohl aussenpolitisch auch schwaecher werde. Aber die EU verfuege doch ueber sehr viel soft Power und innerhalb der Ukraine gebe es durchaus Kraefte, die einen EU-Beitritt anstreben wuerden. Ich habe mich heute zudem nochmals mit den Leuten vom Greencross getroffen. Micheline Calmy-Rey wird naechste Woche nach Moskau kommen, um unter anderem stehen die Projekte der Schweiz zur Vernichtung der Chemiewaffen in Russland auf dem Programm. Dies soll ein weiterer Schwerpunkt werden in der naechsten Woche. Ehrlich gesagt gibt es hier soviele Themen, dass ich gar nicht nachkomme. Eigentlich wollte ich es am Anfang eher gemuetlich nehmen und mich erst auf die Sprache konzentrieren. Diese leidet im Moment ein bisschen unter meinem Programm. Aber heute habe ich endlich wieder einmal Zeit um mehr als 5 Stunden zu schlafen. In den letzten Tagen habe ich fast nur geschrieben. Um einmal nicht von der Arbeit zu sprechen: Heute viel der erste Schnee in Moskau. Eigentlich hatte ich den schon viel frueher erwartet. Ich muss sagen, bis jetzt war die Kaelte ganz gut auszuhalten. Allerdings ist die Sonne kaum zu sehen. Entweder es regnet oder es ist grau. Morgen ist Mittagessen angesagt mit den beiden NZZ-Korrespondenten hier in Moskau. Mal schauen, was sie zu erzaehlen haben. Am Wochenende hoffe ich, mehr Zeit fuer Russland zu finden und vielleicht nach Yaroslavl an der Wolga zu reisen.

10.11.2004

Ups and Downs: Heute Morgen fuehlte ich mich irgendwie zum ersten Mal etwas muede, kraftlos und verloren in Moskau. So was nennt man wohl negatives Denken. Zum letzten Mal erging es mir in Spanien so, als mir alles einfach zu viel wurde und ich nicht sah, wie ich alles schaffen sollte. Aber zum Glueck hatte ich heute Abend Gregor Sonderegger getroffen, der Korrespondet von SFDRS hier in Moskau. Ein wirklich sehr netter Typ. Er konnte mir weitere Tips und Adressen geben. Leider wird er nicht mehr lange in Moskau sein, weil SFDRS ihre Korrespondentenstelle in Moskau streicht. Er geht nun zurueck in die Schweiz, wo er fuer 10 vor 10 arbeiten wird. Morgen habe ich einen stressigen Tag vor mir. Einerseits werde ich Roland Wiederkehr treffen, der hier fuer Green Cross an einer Konferenz spricht. Anderseits kommt eine Wirtschaftsdelegation aus Frankfurt nach Moskau, um den Buergermeister von Moskau zu treggen.

8.11.2004

Out of Moscow: Der 7. November ist hier in Russland bekanntlich der Tag der Revolution. Von den grossen Paraden vergangener Tage ist aber nicht mehr viel ьbrig geblieben. Das russische Parlament denkt im Moment sogar darьber nach, den Tag der Revolution abzuschaffen. Stattdessen soll des Sieges ьber die Polen von anno dazumal gedacht werden. Wem auch immer der Tag gewidmet sein wird, die Russen interessiert bloss der zusдtzliche arbeitsfreie Tag. Die Russen mцgen viele unsinnige Gesetze haben, aber hin und wieder gibt es durchaus Erlasse, an denen man Gefallen finden kann: Will es der Kalender, dass ein Feiertag auf einen Sonntag fдllt, ist der nдchste Tag automatisch ein arbeitsfreier Tag. Ich persцnlich hдtte mir die Manifestation der standhaftesten Kommunisten gerne von Nahem angesehen. Dennoch habe ich mich entschieden, das lange Wochenende fьr einen Ausflug ausserhalb Moskaus zu nutzen. Imke und Antonia, zwei deutsche Mдdels, die ich ьber meine Russischlehrerin kennen gelernt habe, fragten mich, ob ich mit ihnen einen Ausflug nach Vladimir machen wollte. Ich wollte. Ebenfalls mit von der Partie waren Kiril, ein Russe, und Ioulia. Vladimir liegt rund 3 Fahrstunden nordцstlich von Moskau. Die Stadt wurde 1108 von Vladimir Monomakh von Kiev gegrьndet. Vladimir heisst ьbrigens „Herrscher der Welt“. Die Stadt gehцrt zum sogenannten Goldenen Ring, einer Reihe von historischen Stдdten im nordцstlich von Moskau, die bekannt sind fьr ihre Kirchen, Kreml, Kloster und Museen. In Vladimir, so steht im Lonely Planet geschrieben, sei nicht mehr viel ьbrig geblieben von seiner Glanzzeit im Mittelalter, als es die Hauptstadt Russlands war. Was aber noch stehe, sei allemal ein Ausflug wert. Heute, so erzдhlte uns spдter unser Taxi-Chauffeur Aleksander, wьrden in Vladimir Traktoren fьr den Export nach Kuba hergestellt. Am Sonntag, 10.30 Uhr, trafen wir uns an der Metro Kurskaya, von wo wir uns per Bus nach Vladimir aufmachten. Einen Fahrplan gibt’s nicht. Der Bus fдhrt, wenn die Plдtze besetzt sind. Tickets muss man auch nicht besorgen. Bevor er los fдhrt, geht der Chauffeur von hinten nach vorne durch den Bus und sammelt je 120 Rubel (ca. 4$) ein. Wдhrenddessen ging vorne im Bus ein Frau mit haufenweise Zeitungen und Zeitschriften unter dem Arm in Stellung. Ein Printprodukt nach dem anderen hob sie in die Hцhe und verkьndete mit lauter Stimme dessen Namen und Preis. Bevor sie wieder ausstieg, hatte sie all ihre Ware an den Mann bzw. an die Frau gebracht. Schliesslich setzte der Chauffeur den Autobus in Bewegung. An tristen Plattenbauten und maroden Industriekomplexen vorbei verliessen wir Moskau auf der Ulice Entusiastwa. Noch hatten wir die Stadt nicht hinter uns gelassen als unser Bus von ein paar uniformierten angehalten wurde. Ein bulliger Typ im Tarnanzug, schwarzer Strickmьtze und vorgehдngtem Sturmgewehr betrat den Bus: „Dokumente vorweisen.“ Nachdem er Imkes und Antonias Pдsse kontrolliert hatte, meinte er durchaus scherzhaft: „Deutsche Spione?!“ Ich hielt ihm meinen Schweizer Pass vor die Nase: „Und ich ein Schweizer Spion.“ Er liess uns trotzdem weiterfahren. Aber auch wenn das ganze nur ein Spass war, sagt die Tatsache, dass der Russe einen deutschen Pass direkt mit Spionage assoziiert, doch einiges ьber das aktuelle Denken der Sicherheitsdienste aus. Endlich hatten wir Moskau hinter uns gelassen. Die Fahrt ging im Prinzip immer geradeaus. Vor uns, hinter uns und neben uns nichts als endlose Weiten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sein muss, wenn man Bьrger ist von so einem grossen Land. Es muss sich ganz anders anfьhlen; ganz anders als Schweizer zu sein. In der Schweiz weiss ich genau, wo die Grenzen sind und was in Bern, Basel und Genf passiert, betrifft mich auch in Zьrich und umgekehrt. Vielleicht habe ich noch in jeder dieser Stдdte Verwandte oder Bekannte, die mir darьber berichten und mit denen ich mitfьhlen kann. Ich fragte Ioulia. Fьr sie sei wichtig, was in Moskau passiert. Alles andere sei weit weg. Iouli war noch nie in Sibirien oder in Wladiwastok. Dazu mag ihr einerseits die Zeit fehlen. Anderseits aber auch das Geld. Ein Flug nach Wladiwastok kostet zirka 800 Dollar. Mit einem normalen russischen Lohn kann man sich das nicht leisten. Die derzeitige Politik und der Trend zur Zentralisierung wird diesen Mechanismus noch verstдrken. Fьr die Bьrger rьckt der Stadt noch weiter weg. Aber auch fьr die Politiker wird der Bьrger unbedeutsamer. Sollte die regionalen Gouverneure in Zukunft vom Staatsprдsidenten erkoren werden, verlieren sie die demokratische Legitimation und damit ein wichtiges Machtinstrument gegenьber der Zentralregierung. Die Gouverneure kцnnen in Moskau die Interessen der Regionen nicht mehr vertreten, weil sie gar nicht wissen, was diese eigentlich sind. Alles wird sich noch stдrker nach Moskau konzentrieren. Das Land hat einen immensen Reichtum und ein extremes wirtschaftliches Potential, aber bereits jetzt wage ich zu behaupten, dass davon in Russland nur wenige profitieren werden. All der Reichtum wird nach Moskau fliessen und dort in einem unьbersichtlichen Beamtenapparat versickern. Die Busfahrt hat etwas lдnger gedauert als erwartet. Wir sind erst um ca. 15.30 Uhr in Vladimir. Wir treffen hier einen Freund von Kiril, der uns die Stadt zeigen soll. Viel zu sehen gibt es allerdings nicht: Einerseits das „Goldene Tor“ und anderseits eine wirklich sehr schцne orthodoxe Kirche. Das „Goldene Tor“ ist im Prinzip ein grosser weisser Turm mitten auf der Hauptstrasse mit einer gewцlbten Durchfahrt. Ansonsten viel mir vor allem ein Betrunkener auf, der auf dem Gehsteig zusammengekauert lag. Sein Kopf hatte er auf dem Beton-Sockel eines Fahnenmasts gelegt. Neben ihm eine leere Flasche. Wie gesagt, viel gab es nicht zu sehen. Bald wurde es auch bereits dunkel. Kiril, Imke und Antonia machten sich um 20.00 Uhr wieder auf den Weg nach Moskau. Ioulia und ich haben uns entschieden, ein Hotel (Hotel „Vladimir“) zu nehmen, um am nдchsten Tag etwas mehr von Vladimir zu sehen und danach noch nach Suzdal – ebenfalls eine Stadt, die zum Goldenen Ring zдhlt – zu fahren. Bevor wir uns den verdienten Schlaf gцnnten, wollten wir noch was essen gehen und danach die Provinz-Discos inspizieren. Es war offensichtlich: Der Betreiber des Restaurants, in dem wir landeten, war Australien-Fan. Ьber der Bar hing eine Aussie-Flagge, ein Kдnguru-Fell zierte die Wand und in der Karte waren Spezialitдten aus Australien aufgefьhrt. Sogar die Karte gab es hier auf Englisch. Etwas, das ich bisher in Moskau noch nicht gesehen haben. Ausser vielleicht im Marriott. Wir hielten uns an die einheimischen Gerichte. Wie etwa „Meat from a bird“ oder „Cancer“. So schlecht auch die englische Ьbersetzung war, das Essen war wirklich gut. Schlecht waren hingegen die цrtlichen Diskotheken und die Bowling-Bahn erstaunlicherweise viel zu teuer. Wir gingen eher schlafen und waren dafьr die ersten beim Frьhstьck. Das Wetter war sehr neblig und schlecht, um Fotos zu machen. Trotzdem machten wir nochmals einen kleinen Spaziergang zur Kirche, um die obligatorischen Touristen-Fotos zu schiessen. Ausser uns waren nur ein paar Flaschensammler unterwegs, die den Unrat von letzter Nacht einsammelten, um damit etwas Geld zu verdienen. Von der Kirche aus machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Abseits der Hauptstrasse sieht man wirklich, wie die Leute hier leben. Vieles zerfдllt oder ist bereits zerfallen. Im Hinterhof einer leerstehenden Baracke machte sich ein Mann daran, eine alte Hьtte auseinander zu nehmen und noch brauchbare Holzbretter abzutransportieren. Ьberall liegt Abfall, Pneus oder verrostete Autokarosserien. Die Strassen sind voll Schlamm und Dreck. Von Haus zu Haus ziehen sich gelbe Rцhren – die Fernwдrmeheizung. Meistens sind sie schlecht oder gar nicht isoliert. Ab und zu sind allerdings auch renovierte und neue Hдuser zu sehen. Es geht doch etwas. Doch die Ьberreste und Erbstьcke der Sowjetzeit sind nach lange nicht weggerдumt. Am Bahnhof wollen wir den Bus nach Suzdal nehmen. Als wir ankommen, hat der Bus die Tьren bereits geschlossen und kurz davor abzufahren. Wir mцchten noch einsteigen. Doch eine schrullige, beleibte Frau mit schrecklichen Zдhnen und Kopftuch schreit uns an. Sie hдlt einen Schreibblock in der Hand und ist hier wohl irgendwie fьr etwas zustдndig. Wir sollten zur Kasse gehen und Tickets kaufen, schreit sie uns an, als ob wir sie gerade eben aufs derbste beleidigt hдtten. Der Buschauffeur machte uns indessen Zeichen, dass wir weiter vorne, in sicherer Distanz von der wьtenden Frau, einsteigen kцnnten. Tatsдchlich hдlt der Bus bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof nochmals an und lдsst uns einsteigen. Was der armen Frau ьber die Leber gekrochen ist, werde ich leider nie erfahren. In Suzdal gibt es im Gegensatz zu Vladimir keine Industrie. Dafьr 13 Klцster und beinahe mehr Kirchen als Wohnhдuser. Mir gefiel es hier schon wesentlich besser als in Vladimir. An diesem Tag machte ich ungefдhr 200 Fotos. Sobald ich Zeit habe, werde ich auch ein paar hier auf der Webseite aufschalten. Nur Geduld, Geduld. Besonders in Erinnerung wird mir auch die Degustation von Honigwein bleiben. Das Getrдnk wird hier Medowucha genannt und enthдlt zwischen 7 und 10 Prozent Alkohol. Das gute daran ist, dass es wesentlich besser als Vodka schmeckt. Suzdal ist touristischer als Vladimir. Die Hдuser sind auch in ziemlich gutem Zustand und es werden zudem neue Hдuser gebaut. Wie sich herausstellte sind das aber vor allem Datschas, die hier von Moskauern gebaut werden. Anderseits werden auch neue Hotels gebaut. Wie auch immer, das Geld dazu kommt in jedem Fall aus Moskau. Obwohl Vladimir und auch Suzdal 3 bis 4 Stunden von Moskau entfernt sind, befinden sie sich in dessen Gravitationsfeld. Viele Menschen gehen von hier sogar bis nach Moskau, um zu arbeiten. Um zirka 18.30 Uhr machten wir uns auf den Heimweg. Aleksander, ein Bauarbeiter aus Vladimir, nahm uns fьr 200 Rubel mit zurьck nach Vladimir. In Vladimir wollten natьrlich alle nach dem langen Wochenende wieder nach Moskau reisen. Die Schlange vor dem Autobus war endlos. Hinter uns meinte einer in der Schlange, es gдbe auch die Mцglichkeit mit einer „Maschroutka“ (einem privaten Kleinbus) nach Moskau zu fahren. Er konnte zehn Leute fьr sein Unterfangen gewinnen. Weil diese Art von Konkurrenz zu den Autobussen nicht erlaubt ist, mussten wir noch kurze 5 Minuten vom Bahnhof aus laufen. Dann kam ein Fordtransit um die Ecke gebraust und ab ging’s nach Moskau. Natьrlich fьr den doppelten Preis.

3.11.2004

Vollgas: Endlich finde ich die Zeit fuer einen kleinen Tagebucheintrag. Diese Woche ging es mit Terminen los und abends habe ich jeweils noch Russischunterricht. Dazwischen muss ich noch die Hausaufgaben unterbringen. Die letzten zwei Tage war ich an einer Konferenz zur Liberalisierung des Russischen Elektrizitaets- und Gassektors. Das ganze ist gelinde gesagt hoechts komplex. Zurzeit steht die Aufsplittung und Privatisierung des groessten Russischen Energiekonzerns (RAO) an. Doch die Regierung hat noch nicht entschieden respektive die Entscheidung verschoben. Anfang Dezember soll genaueres rauskommen. Die grosse Frage ist, wie die Privatisierung durchgefuehrt werden soll. Verschiedene Parteien versuchen natuerlich Gewinn aus der Sache zu schlagen und der Kampf um die besten Stuecke hat bereits begonnen. Es geht um sehr viel Geld. Gleichzeitig ist die Regierung sehr vorsichtig, weil der kleinste Fehler in solchen Privatisierungsprozessen verheerende Folgen haben kann. Das ganze ist natuerlich sozialpolitisch sehr heikel, weil Strom und Gas in Russland fuer die privaten Haushalte sehr stark subventioniert sind. Das Thema ist aber nicht nur komplex, sondern es ist auch schwierig an Informationen zu kommen. Die Russen beherrschen die Kunst viel zu reden, ohne etwas zu sagen in Perfektion. Das ist wohl einerseits kulturell bedingt, anderseits ist es auch ein zeichen fuer die momentane Situation, in der es um viel geht und wichtige Informationen ein Vorteil gegenueber der Konkurrenz bedeutet.

Morgen steht eine Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung auf dem Programm. Sie hat eine Umfrage in Auftrag gegeben zum Arbeitsthema "In welcher Gesellschaft moechten die Russen von heute leben". Auf diesen Termin freue ich mich. Das wird bestimmt sehr interessant.

Leider habe ich keine Zeit mehr, um den Text nochmals zu lesen. Ich bitte bezueglich Rechtschreibung um Nachsicht.

30.10.2004

Ost oder West: Gestern bin ich noch vor Sonnenaufgang aufgestanden, um zu sehen, wie Moskau erwacht. Von der Universitaet aus habe ich mich zu Fuss Richtung Stadt aufgemacht. Noch vor Tagesanbruch kehren Strassenwischer das Laub zusammen, bauen Frauen in eisiger Kaelte ihren Souvenirtisch, Gemuese- oder Zeitschriftenstand auf. Natuerlich habe ich auf meinem Streifzug auch ein paar Fotos gemacht und hoffe, sie bald auf dieser Seite aufschalten zu koennen. Es gibt in Moskau viel zu sehen und demnach zu fotografieren. Gestern Abend war ich mit Julia weg. In der Karma Bar. Dort laeuft jeden Freitag lateinamerikanische Musik. Auch die Russen scheinen der Salsa-Welle nicht widerstehen zu koennen. Das taenzerische Niveau liegt zwar noch weit unter dem in Zuerich, aber das ist wohl nur eine Frage der Zeit. Fuer Salsa-Lehrer ist Moskau auf jeden Fall ein Emerging-Market. Wer hier rechtzeitig einsteigt, koennte gutes Geld verdienen. Die Konkurrenz ist klein und die Nachfrage gross.

Es war wirklich seltsam und komisch, zu sehen, dass auch die Russen dem Salsa-Fieber erliegen. Der Club haette genau so gut in der Schweiz, Spanien oder anderswo weiter im Westen liegen koennen. Ich begegene hier immer wieder Dingen, die nicht in mein bisheriges Russland-Bild passen. Der Einfluss aus dem Westen ist gross und die Russen scheinen sich gerne beeinflussen zu lassen, sie saugen alles geradezu auf. Dies passt nicht in das Bild des chauvinistischen Russen. Das Verhalten der Bevoelkerung scheint hier demjenigen der russischen Politiker zu widersprechen. Irgendwie habe ich das Gefuehl, dass die Russen ihre erst kurz gewonnene Freiheit voll ausleben und geniessen wollen. Sie wollen alles nachholen, was sie meinen, verpasst zu haben. Daher sind sie in gewisser Weise fast westlicher (sprich materialistischer) als wir. Waehrend das westliche Bewusstsein bereits als post-modern bezeichnet werden kann, scheint Russlands Bewusstsein dem Zeitgeist des westeuropaeischen Wirtschaftwunders der 50er und 60er Jahre zu entsprechen. Allerdings habe ich bis jetzt auch nur Moskau gesehen. Auf dem Land werde ich bestimmt ein anderes Russland sehen.

28.10.2004

Es geht doch: Also doch. Die Gesellschaft Russland-Deutschland kann die Registrierung fuer mich machen. Das kostet mich zwar 620 Rubel, aber die bezahle ich gerne, um endlich Ruhe vor der Miliz zu haben. Heute morgen - als ich auf dem Weg zu der besagten Gesellschaft war, um die Registrierung klar zu machen - hat mich die Miliz erneut kontrolliert. Nach zehn Minuten hin und her, ich in gebrochenem Russisch und die Beamten in noch schlechterem Englisch, loeste sich das kleine Missverstaendnis dank 200 Rubeln (ca. 8 US-Dollar) Schmiergeld in Luft auf. Ich konnte mich auf den Weg machen, um meine Registrierung einzuholen und die Polizisten konnten sich ein gutes Mitagessen leisten. Ich weiss allerdings immer noch nicht, warum die Gesellschaft meine Registrierung nicht bereits am Dienstag uebernehmen konnte. Aber egal. Das ist Russland.

Heute hatte es noch viel mehr Polizisten in der Stadt als normal. Herr Podwigin - der Chefredaktor - meinte, es liege vielleicht daran, dass die USA vor einem moeglichen Terroranschlag in Moskau gewarnt haetten. Als ob nicht schon genung Uniformierte unterwegs waeren. Hier wird alles bewacht: Jedes Tor, jeder Parkplatz, jede Haustuer, jede Etage und sogar die Rolltreppen. In einer Restaurantkette ist eine nette Dame einzig damit beauftragt, den hereinkommenden Gaesten "guten Tag" und den herausgehenden "auf Wiedersehen" zu sagen. Kein Wunder herrscht hier in Moskau Vollbeschaeftigung. Die Idee des Kommunismus ist gestorben, ihr Tot ist aber noch lange nicht ueberwunden. Allerdings ist das ja auch nicht nur schlecht. Wenn hier alle Jobs abgeschafft wuerden, die es nicht braucht, beduerfte es eben einer Arbeitslosenversicherung und der Sozialhilfe. Nun bezahlt der Staat eben einfach tiefe Loehne und beschaeftigt die Menschen, die auf dem freien Markt nicht klar kommen.

Bezueglich der Terrorwarnung habe ich uebrigens das Gefuehl, dass Bush sich damit bei Putin fuer dessen Unterstuetzung bedanken wollte. Das Polizeiaufgebot schuechtert hoechstens die Bevoelkerung ein und kaum die Terroristen. Ein Terroranschlag kann in einer solch grossen Stadt wie Moskau nicht durch ein grosses Polizeiaufgebot verhindert werden. Dafuer benoetigt man wenn schon gezielte Geheimdienstinformationen. Meiner Meinung nach ist das eine grosse Show, mit der Putin dem Volk einerseits Angst einfloessen und ihm anderseits zeigen will, dass er etwas unternimmt und mit straffer Hand gegen Terroristen vorgeht.

Diese Woche musste ich viel organisieren. Ich hoffe, dass ich mich ab naechster Woche vermehrt der Sprache und dem Schreiben widmen kann.

27.10.2004

In den Faengen der Buerokratie: Eigentlich ist alles ganz praechtig hier in Moskau. Auch das Wetter ist ausserordentlich warm fuer diese Jahreszeit. 12 Grad. Zum ersten Mal seit ich hier bin zeigte sich die Sonne und ich nutzte den Tag, um durch Moskau zu schlendern und Fotos zu machen. Im Moment bin ich im Studio von "Panicfilm". Heute habe ich Yuri kennengelernt. Er ist Kameramann und ihm gehoert das Studio. Schade dass er nun fuer ganze vier Wochen nach Wladiwostok reist, um dort zu drehen. Aber ich bleibe ja auch noch eine Weile in Moskau und werde ein Bier mit ihm trinken, wenn er zurueckkommt. Wie gesagt, es laeuft eigentlich alles nach Plan. Einzig und allein die russische Buerokratie macht mir zu schaffen, genauer gesagt die Regstrierung. Seit zirka 2 Jahren muss man sich bei den Behoerden innerhalb von drei Tagen nach der Ankunft in Moskau registrieren. In diesem Zusammenhang muss die Person oder Organisation, die die Einladung fuer den jeweiligen Auslaender gemacht hat, auch dessen Registrierung uebernehmen. Aber das wusste ich natuerlich nicht vorher. Die Einladung - die ich fuer mein Visum benoetigte - habe ich von der Gesellschaft Russland-Deutschland erhalten. Allerdings wohne ich nun im Wohnheim der Universitaet. Weil es sich dabei um eine staatliche Organisation handelt, sieht sich die Gesellschaft Russland-Deutschland nicht in der Lage, die Registrierung zu machen. Die Universitaet aber kann mich auch nicht registrieren, weil ich die Einladung nicht von ihr erhalten habe. Nun fuer etwas hat man ja Freunde. Iouli wollte fuer mich die Registrierung machen. Doch wie die Behoerde mitteilte, ist dies nicht moeglich, weil sie mich nicht eingeladen hat. Und uebrigens: Die Moskauer Deutsche Zeitung konnte mich auch nicht einladen, weil sie keinen Mietvertrag hat mit dem Hausbesitzer. Wieso das so ist, weiss niemand. Hinzukommt, dass die meisten Vermieter nicht bereit sind, die Registrierung zu uebernehmen, weil sie dann ins Blickfeld der Steuerbehoerde geraten. Kurzum: Es ist schwierig sich zu registrieren. Und die Buerokratie unternimmt alles, um die Registrierung moeglichst zu erschweren. Die gleiche Buerokratie aber, erteilt saftige Bussen, wenn man nicht registriert ist. Ganz schoen geschaeftstuechtig diese Buerokraten. Das haben sie sich schoen ausgedacht. Ich treffe mich auf alle Faelle morgen wieder mit Frau Lydia von der Gesellschaft Russland-Deutschland. Vielleicht laesst sich ja doch noch was machen. Und wenn alles nichts bringt, ist es wahrscheinlich einfach eine Frage des Preises. Ich werde wahrscheinlich sowieso noch eine Strafe zahlen muessen, weil ich mich nicht innerhalb von drei Tagen registriert habe. Guter Wille hin oder her.

25.10.2004

Moskauer Deutsche Zeitung - erster Tag: Ich muss zugeben, das Aufstehen viel mir nicht leicht heute morgen, nachdem ich nun mehr als eine Woche meinen Zeitplan frei gestalten konnte. Immerhin hatte ich noch die Zeit, um zum ersten Mal in der Mensa der Universitaet zu fruehstuecken. Das erste was ich sah, waren kleine Salate, einen Brei und irgend so etwas wie einen Auflauf. Das ist also das russische Fruehstueck? Ganz sicher war ich mir nicht. Ein Blick auf die Zeitangabe meines Handys bestaetigte mir aber, dass es sich nur um das Fruestueck handeln konnte. Ich war froh, als ich ein bisschen weiter vorne am Buffet noch mit Kaese und Schinken belegte Brote fand. Im Nachhinein bereute ich es aber, die russischen Fruehstuecksspezialitaeten verschmaeht zu haben. Schliesslich sollte man ja alles zumindest einmal probiert haben. Fuer morgens habe ich mir daher vorgenommen, mich naeher mit den russischen Essensgewohnheiten vertraut zu machen.

Um zirka 10.30 Uhr bin ich in der Redaktion angekommen. Zu frueh - wie sich herausstellte. Nach einer Viertelstunde kam eine Sekretaerin und oeffnete mir die Tuer zur Redaktion. Dort nahm ich erstmal ein Exemplar der Moskauer Deutschen Zeitung zur hand, um mich in die Themen einzulesen. Das Blatt ist wirklich gut gemacht, mit sehr viel Information und durchaus fuer ein Publikum das gerne und viel liest gedacht. Nach und nach trafen die Redaktoren ein. Ich stellte mich Herrn Podwigin, dem Chefredaktor, vor. Bis um 15.30 tat ich eigentlich nichts anderes, als Zeitung zu lesen. Zwischendurch unterhielt ich mich ganz gut mit Renata, einer russischen Praktikantin. Um 15.30 Uhr fand die Redaktionssitzung statt: Diese beinhaltete einerseits die Blattkritik der letzten sowie die Vorschau auf die Artikel und Themen der naechsten Ausgabe. Fuer morgen habe ich den Auftrag erhalten, in eine Bibliothek am Stadtrand von Moskau zu fahren. Dort sind die historischen Ausgaben der Moskauer Deutschen Zeitung aufbewahrt. Fuer die Rubrik "Das schrieb die MDZ vor 100 Jahren" soll ich dort die alten Ausgaben nach interessanten Ausschnitten durchforsten. Das wird bestimmt eine interessante Reise werden. Ueberdies hat mir die Wirtschaftsredaktorin einen Termin vermittelt: Ich soll mit dem Chef der Commerzbank ueber die Kreditvergabe an Deutsche Investoren sprechen. Mein Vorschlag, etwas zur Privatisierung des russischen Elektrizitaetsmarktes zu schreiben wurde positiv aufgefasst: "Ja dann mach mal". Ich denke es wird mir hier nicht langweilig werden. Uebrigens ist auch der Korrespondent der Oesterreichischen Nachrichtenagentur (apa) in den Raeumlichkeiten der MDZ untergebracht.

24.10.2004

Erste Eindruecke: Am Samstagmorgen habe ich mein Zimmernachbar kennengelernt: Carlos - aus Mexico City. Er studiert hier an der Universitaet. Und zwar etwas ganz Konkretes: Er lernt, wie man einen Satelliten baut. Anscheinend ist Mexiko daran, Laboratorien und Infrastruktur zur Konstruktion von Satelliten aufzubauen. Um das Know-How fuer die Produktion zu erhalten, ist Mexico mit Russland eine Kooperation eingegangen. Im Rahmen dieses Programms ist Carlos mit vier jungen Landsleuten nach Moskau gekommen, um hinter die Geheimnisse des Satellitenbaus zu gelangen. Erneut kann ich also meine Spanischkenntnisse hier im Osten gut gebrauchen. Carlos ist ein netter Kerl und sehr hilfsbereit. Sein Angebot, Samstagabends mit ihm und seinen Freunden weg zu gehen, habe ich natuerlich nicht abgelehnt.

Erst aber stand noch eine Wohnungsbesichtigung auf dem Programm. Florian - ein Jura-Student aus Deutschland - wollte sein 20m2-Zimmer fuer 280 Euro im Monat loswerden und dafuer im Wohnheim der Universitaet schlafen. Er wuerde hier nicht zum Studieren kommen und ausserdem sei der Weg immer so weit bis zur Uni. Ausserdem wohne er als Austauschstudent an der Universitaet umsonst. Das sind gute Argumente. Seine Mitbewohnerin Agnessa bleibt in der Wohnung. Sie ist ebenfalls in Deutschland aufgewachsen, hat aber einen russischen Vater. In Moskau besucht Sie nun die Schauspielschule. Sie sei nicht viel zu Hause, meinte Sie. Sie sei 7 Tage die Woche an der Schule. Offensichtlich ein hartes Programm, die Moskauer Schauspielschule. Obwohl die Wohnung wirklich gut, das Zimmer gross und die Mitbewohnerin ganz nett war, werde ich wohl nicht zusagen. Erstens moechte ich nicht soviel Geld fuer ein Zimmer ausgeben und zweitens bin ich von der Universitaet aus schneller in der Redaktion. Trotzdem hat sich durch die Besichtigung wieder ein Kontakt ergeben. Florian meinte, ich sei auf alle Faelle fuer die Party naechstes Wochendende in ihrer Wohnung eingeladen. Bisher hatten die Wohnung noch zwei andere Interessenten besichtigt. Einer von Ihnen war Jens - seines Zeichens Redaktor bei der Moskauer Deutschen Zeitung. Wie der Zufall so spielt!

Um 20 Uhr habe ich mich mit Ioulia verabredet, die fuer mich den Transfer vom Flughafen organisiert hatte. Wir trafen uns an der Metro Mayakovskaya und wollten eigentlich einen Kaffee in der Tscheikovski Hall (Bin mir nicht sicher, wie sich der Komponist korrekt schreibt) trinken. Doch dort war gerade seit 10 Minuten der Strom ausgefallen und die Gaeste sassen bei Kerzenlicht mehr oder weniger im Dunkel. Also gingen wir in ein belichtetes Restaurant gleich gegenueber. Ioulia trank Tee. Ich entschied mich fuer das russische Buffet: Mit verschiedenen Salaten, Fisch, Essiggurken und so weiter. Speziell waren vor allem die Pilze. Ioulia meinte, Pilze seien eine russische Spezialitaet. Man finde hier Pilze, die es sonst nirgends gaebe. Im Gegensatz zum Westen, wo man nur Champignons esse. Zugegeben, solche Pilze hatte ich zuvor noch nie gegessen. Und sie schmeckten auch ganz lecker. Nur wird es wohl auch nicht mehr lange dauern, bis die Russen nur noch vorwiegend Champignons essen werden.

Ich war auf alle Faelle froh, dass ich endlich ein paar Brocken Russisch sprechen konnte. Ioulia war zudem sehr geduldig und half mir weiter, wenn ich ins Stocken geriet. Zu meiner Ueberraschung bestand Ioulia darauf, dass wir getrennt bezahlen. Ich hatte von mehreren Leuten gehoert, dass in Russland immer der Mann bezahlt. Aber eben: Russland ist heute auch nicht mehr, was es war.

Danach gingen wir in die Disco namens "Propaganda", wo wir Carlos und seine Freunde trafen. Ich trank mein erstes russisches Bier. In der Disco war es ziemlich laut, rauchig und eng. Gegen 2 Uhr machten wir uns auf den Heimweg. Ioulia und ich mussten in dieselbe Richtung, sodass wir uns ein Taxi teilen konnten. Von der Disco aus liefen wir aber zuerst noch ein Stueck. Unter anderem kamen wir an der ehemaligen Zentrale des KGB (heute FSB) vorbei. Ein sehr unfreundliches Gebaeude.

Bei uns haben Taxi normalerweise ein gelbes Lichtschild auf dem Dach, an denen man sie erkennt. Solche gibt es auch in Moskau. Es gibt allerdings auch andere, die eigentlich gar nicht als Taxi erkennbar sind. Ein solches nahmen wir: Ein alter, dunkelblauer Lada. Der Fahrer musste irgendwie mit Schumi oder vielleicht auch Niki Lauda verwandt sein. Er drueckte seine Kiste wie er nur konnte, respektierte Lichtsignale nur im Notfall und schnitt die Kurven ungeachtet jeder Sicherheitslinien. Ich bin trotzdem heil angekommen. Um zirka 3 Uhr morgens bin ich ins Bett gekommen.

Um 12 Uhr heute Sonntag besichtigte ich eine weitere Wohnung. Sie lag an derselben Metro-Linie wie die Universtitaet, aber noch eine Station stadtauswaerts. Hier beginnen nun die Plattenbausiedlungen. Allerdings werden diese haesslichen Haeuser wohl in absehbarer Zeit verschwinden. Bereits wurden neue Wohnhaeuser gebaut: Keine Plattenbauten mehr, moderner, farbiger und hoeher. Die zu besichtigende Wohnung war allerdings im 8. Stock eines sehr langen Plattenbau-Kastens. Judith und Anja wohnten dort. Sie arbeiten fuer die "Aktion Suehne" oder so aehnlich. Es ist eine gemeinnuetzige Organisation, die nach dem zeiten Weltkrieg gegruendet wurde, um sich den Opfern der Nazis anzunehmen. Dazu gehoeren auch die Russen, die von den Nazis waehrend des 2. Weltkriegs als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht wurden. Nach ihrer Rueckkehr nach Russland, waren sie auch in ihrem Mutterland fremd geworden. Anja war eigentlich ganz nett. Sie hilft vor allem als Uebersetzerin bei der russischen Menschenrechtsorganisation MEMORIAL. Judith entsprach hingegen saemtlichen Klischees einer Sozialarbeiterin: Unrasierte Beine, gehaekelte Socken, Faserpelzjacke, selbstgerollte Zigaretten, blasser, freudloser und irgendwie ausgemaergelter Gesichtausdruck.

Ich denke ich werde dieses Zimmer auch nicht nehmen. Ioulia wird mir helfen, einen Aushang ander Uni zu machen und dann schauen wir mal. Die Wohnung war zwar gar nicht so schlecht. Diese Plattenbauten sehen von aussen schrecklicher aus, als von innen. Auf meinem Ausflug in die Plattensiedlungen habe ich eine weitere Kuriositaet entdeckt: Kleine, machmal quadratische und manchmal gewoelbte Blechcontainer mit Vorhangschloss. Erst als ich sah, wie jemand sein Auto aus einer solchen Box holte, wurde mir klar was es mit den Blechkisten auf sich hatte: Garagen. Ich werde auf alle Faelle nochmals dahin zurueckkehren, um Fotos zu machen.

22.10.2004

Reise nach Moskau: Nun also bin ich in Moskau gelandet. Es war ein langer Tag. Um fuenf Uhr bin ich aufgestanden und um 6.30 Uhr war ich am Flughafen. Das fruehe Ein-Checken hat sich gelohnt, da ich mir dadurch von Zuerich nach Prag und auch von Prag nach Moskau einen Fensterplatz sichern konnte. Kurz bevor der Flieger das Dock verliess waren noch einige Plaetze frei - neben mir sass noch niemand. Da stieg ploetzlich eine Gruppe von jungen Frauen ein, die zugegebender Massen gar nicht so eine schlechte Figur machten, auch wenn sie durchaus etwas aufgetakelt daher kamen. Vielleicht - so dachte ich - eine tschechische oder russische Schulklasse auf Reisen. Eigentlich hatte ich erwartet, im Flugzeug bereits den einen oder anderen Russen oder auch Russin zu treffen. Aber die erste Fremdsprache, die mir auf dem Weg nach Osten zu Ohren kam war weder Tschechisch noch Russisch. Nein. Die Maedchen, die sich neben mich setzten, sprachen Spanisch. Sie besuchten in Montreux das Internat und flogen mit der Schule uebers Wochendende nach Prag. Offenbar gehoeren solche Reisen - auch bis nach China - zum Ausbildungsprogramm in Montreux. Trotzdem - ein Zuckerschlecken ist das nicht: Die Maedchen mussten bereits um 3 Uhr morgens aufstehen und schliefen daher den halben Flug. In Prag gelandet teilte ihnen eine Leiterin mit, dass heute den ganzen Tag gefuehrte Stadtbesichtigungen auf dem Programm stuenden. Morgen aber, haetten sie den ganzen Tag frei. Darauf meinte eine Schuelerin: Are you sure that the shops are open then. (Ich kann leider das Fragezeichen auf der Tastatur nicht finden.)

Der Flug nach Moskau sollte kurzweilig werden: Ich lernte Silvio de Castro Ribeiro kennen - ein Brasilianer, der bereits sieben Jahre in Russland lebt. Er hat in Moskau Wirtschaftingenieur studiert und arbeitet nun im Kohlehandel. In diesem Zusammenhang war er gerade in Barcelona an einem Kongress. Es war ein sehr interessantes Gespraech und vielleicht wird aus dem Thema Kohle ja einmal ein Artikel. Wer weiss.

Oleg hat mich am Flughafen Sheremetyevo abgeholt. Nach rund einer Stunde Autofahrt durch den Moskauer Abendverkehr habe ich in der Staatlichen Universitaet Moskau (MGU) ein kleines, aber warmes Zimmer bezogen. Waehrend der Autofahrt mit Oleg konnte ich ein erstes Mal meine Russischkenntnisse testen. Auch wenn ich hin und wieder an meine Grenzen stiess, unterhielten wir uns gany gut. Eins ging aus dem Gespraech auf alle Faelle klar hervor: Oleg wuerde Putin wieder waehlen. Putin sei gut. Yeltsin habe Gutes und Schlechtes gemacht und Gorbatchev habe nur geredet.

Das Zimmer ist im 8. Stockwerk des von Stalin in den 50er Jahren erichteten Gebaeudes. Von meinem Stock aus habe ich eine perfekte Aussicht auf das Stadtzentrum. Herr Valitov, der mir das Zimmer vermittelt hat, fuehrte mich bereits durch das Gebaeude. Es gibt fast alles: Lebensmittelgeschaefte, Metzgerei, Schumacherei, Waescherei, Fahrradvermietung, Kantinen und jede Menge Kaffees. Ich sitze im Moment in einem 24h Internet-Cafe, fuenf Gehminuten von meiner Unterkunft. Vor dem Eingang des Internet-Cafes traute ich meinen Ohren und Augen nicht: Ein junger Russe in einem getunten Lada schrie in sein Handy, dachte aber nicht daran, den Motor seines unglaublich lauten Gefaehrts abzustellen. Der Lada war tiefergelegt, mit Alu-Felgen und breiten Reifen, blau lackiert und mit einem riesen Spoiler ausgeruestet. Wahnsinn.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Tage im Wohnheim bleiben, aber Herr Valitov bestand darauf, dass ich gleich fuer einen Monat vorausbezahle. So ist das hier in Russland: Alles muss man vorausbezahlen. Darum soll es hier auch nicht die Moeglichkeit geben, einen Vertrag mit einem Telekommunikationsunternehmen abzuschliessen und dafuer eine Ermaessigung auf das Handy zu erhalten. Auf Vertraege gibt man hier anscheinend nicht viel. Tja, nun bleibe ich wohl noch eine Weile im Studentenwohnheim und suche mir in aller Ruhe ein Zimmer.

18.10.2004

Ennet dem RoestiGraben: Zuerst die gute Nachricht: Ich habe heute das Visum fьr die Russische Fцderation erhalten. Die schlechte Nachricht: Ich habe immer noch kein Zimmer in Moskau. Ok, das stimmt nicht ganz. Ich habe ein Zimmer im Studentenheim der staatlichen Universitдt. Aber eigentlich hatte ich bereits die Zusage von einer russischen Mutter und ihrer Tochter, dass ich bei Ihnen in der 3-Zimmer Wohnung unterkommen kцnnte. Gestern Sonntag, 17. Oktober 2004, wollte mich die Mutter in Genf treffen. Sie war zufдlliger Weise in der Schweiz. Also bin ich gestern Morgen mit dem Auto nach Genf gedьst, um mich mittags mit der Frau zu treffen. Ich wartete eineinhalb Stunden vor der "Horloge" beim "Jardin Anglais", trotzte Kдlte und Regen - ohne Erfolg. So ging ich etwas essen, machte einen Spaziergang durch die mir aus Studentenzeiten bekannten Gassen von Genf, trank schliesslich in der "Alhambar" - meinem damaligen Stammlokal - einen Cafй au lait und las das NZZ-Fokus zu Tschetschenien. Um fьnf Uhr erhielt ich schliesslich ein SMS von Ioulia aus Moskau: Die russische Mutter und ihre Tochter hдtten es sich anders ьberlegt und kцnnten mich doch nicht bei sich aufnehmen. Wie sich spдter herausstellte, legte der Vater das Veto ein. Ihm war es wohl nicht recht, dass ein Mann in die Wohnung seiner Frau und Tochter zog. Nun ja, ich bin mir die Ьberraschungen und Wendungen in meinem Leben bereits gewohnt. Zurьck zu schauen und sich zu дrgern hat keinen Sinn. Man muss das Positive mitnehmen und vorwдrts schauen. Es gibt immer mehr als eine gute Lцsung. Auch die Reise nach Genf war nicht umsonst. Bereits wдhrend meines Austauschjahres fьhlte ich mich in Genf sehr wohl und jedesmal, wenn ich zurьckkomme, scheint es mir, als wдre die Stadt am Lac Lйman meine zweite Heimat. Vielleicht kommt das, weil die Stadt дhnlich wie Zьrich an einem See liegt. Aber ich denke eher nicht. An Genf schдtze ich vielmehr die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten zu Zьrich. Man braucht nur ьber die grosse Brьcke zu laufen, die von der Rue de Mont-Blanc ьber die Rhone zum General-Guisan-Quai fьhrt, um das Flair der Stadt zu begreifen. Der Genfersee цffnet durch seine Grцsse einen weiteren Blick als der Zьrichsee, wirkt fast maritim. Der Salиve, die franzцsischen Alpen und in weiterer Ferne das Mont-Blanc-Massiv erheben sich monumentaler und majestдtischer als der Ьetliberg. Frankreich ist in Sichtweite. Links und rechts der Brьcke weht das Schweizer Kreuz gemeinsam mit sдmtlichen Fahnen der EU-Staaten im Wind, wдhrend am Bьrkliplatz fast immer nur die Farben der Schweiz und des Kantons Zьrich hochgezogen werden. Man kann die Frage nach dem RoestiGraben immer wieder stellen: Gibt es ihn? Gibt es ihn nicht? Ich kann nur sagen: Es gibt ihn - Punkt. Zьrich mag das Wirtschaftszentrum, die grцsste Stadt und das Ausgeh- und Party-Mekka der Schweiz sein, immer hip und trendy. Die Genfer mцgen im Innersten bieder-brave Calvinisten sein. Aber Zьrich ist trotzdem Provinz im Vergleich zum internationalen und weltoffenen Genf.

15.10.2004

Nun bin ich wieder zurьck in Zьrich. Ich musste mich ein bisschen durschlagen, denn leider konnte ich im ICE keinen Platz mehr reservieren und so stand ich eben eine Weile zwischen Kцln und Karlsruhe. Trotzdem hatte ich genьgend Zeit und Ruhe, um die Diplomarbeit von Daniel ьber die wirtschaftliche und politische Transformation in Russland zu Ende lesen. Es war eine дusserst interessante Lektьre, auch wenn mir bereits einiges bekannt war. Besonders das Fallbeispiel zu Boris Beresowskis Werdegang war lesenswert. Ich werde die Diplomarbeit noch heute auf meiner Homepage aufschalten.

Der Abschied von Bochum viel gar nicht so einfach. Alles in allem waren wir doch eine prima Klasse. Ein buntes gemisch von speziellen Persцnlichkeiten. Im Prinzip waren wir von der Aussenwelt fast gдnzlich abgeschnitten: Lernen, Schlafen, Essen. Fьr viel mehr war nicht Zeit. Der Kurs war дusserst intensiv und zudem aber auch didaktisch extrem gut aufgebaut. Der Lehrer - Dr. Leo Weschmann - war ein perfekter Sprachlehrer und ein guter Motivator. Ich habe jetzt noch eine Woche Zeit, um mich auf Moskau vorzubereiten. Ich habe mir vorgenommen, den Stoff der letzten zwei Wochen nochmals aufzuarbeiten und hoffe, dass ich die Zeit dazu finden werde. Das wird nicht einfach sein, denn mein Programm ist gedrдngt: Am Sonntag nach Genf, am Montag nach Bern und dann eventuell weiter nach St.Gallen ..

13.10.2004

Filmtipp 2: Drittletzter Kurstag. Langsam ist es Zeit fьr mich, an die Rьckreise nach Zьrich zu denken. Ich habe viel gelernt, aber trotzdem nicht genug. Russisch ist ein weites Feld. Ich gehe aber davon aus, dass ich in Moskau schnell Fortschritte machen werde. Ich werde alles einfach auf mich zukommen lassen und dann sehen wir.

Gestern haben wir uns "Die Besonderheiten des russischen Fischens" angekuckt. Die Komцdie erzдhlt von einer Gruppe russischer Freunde, die zusammen ein paar Tage zum Fischen fahren. Doch weil sie bereits auf der Bootsfahrt zum Ferienhaus des einen Freundes zuviel Vodka trinken, landen sie in Finnland in einem fremden Haus am Wasser. Als sie nach einiger Zeit feststellen, dass sie in Finnland sind, treten sie ьberhastet die Rьckreise an und vergessen ihren Vodka-Vorrat: 15 Kisten. Indem sie persцnliche Beziehungen zum russischen Militдr spielen lassen, erhoffen sie sich, den Vodka wieder zurьckholen zu kцnnen. Schliesslich setzen sie mit einem U-Boot nach Finnland ьber und holen den Vodka. Doch weil dem U-Boot der Sprit ausgeht, mьssen sie den gesamten Vodka-Vorrat in den Tank des U-Boots geben. Trotzdem gibts ein Happy End. Natьrlich gibt es noch etliche Schlaufen und Randgeschichten, die ich hier aber nicht alle erzдhlen kann. Der Film ist auf alle Fдlle sehr amьsant und mit viel Humor gemacht. Ich gebe 6 Lдmpchen.

12.10.2004

Filmtipp: Es ist wieder Lernen angesagt, genauer gesagt die Deklination der Substantive. Im Russischen gibt es sechs Fдlle, wobei man keine direkten Parallelen zum Deutschen ziehen kann. Daher muss man das einfach auswendig lernen: Ьbung macht den Meister. Dabei gibt es auch angenehme Wege, eine Sprache zu vertiefen: Bekanntlich kann man eine Sprache auch ganz gut mit Hilfe des Fernsehers lernen. Deshalb habe ich mir gestern mit Daniel den russischen Film "brat" (der Bruder) angekuckt. Natьrlich mit deutschen Untertiteln. Der Film ist echt empfehlenswert. Er erinnert in der Machart stark an die Filme von Tarantino oder auch Guy Richie. Kurz erzдhlt: Der jьngere Bruder sucht seinen дlteren Bruder in St.Petersburg. Als er ihn gefunden hat, stellt er fest, dass sein Bruder - den er immer bewundert hatte - ein Auftragskiller ist und auf der Abschussliste der Mafia steht. Der kleine Bruder versucht dem grossen Bruder aus der Patsche zu helfen ... Ich weiss nicht ob man in der Schweiz an den Film ran kommt, aber wenn man die Mцglichkeit hat, lohnt es sich bestimmt, den Film zu sehen. Wir haben uns nun vorgenommen, jeden Abend einen russischen Film anzusehen.

11.10.2004

Ein Weekend in Bochum: Erholen konnte ich mich am Wochenende nicht - soviel sei gesagt. Am Samstagnachmittag habe ich mir den Westpark und die Jahrhunderthalle nochmals genauer angeschaut und mit der Kamera festgehalten. Die Jahrhunderthalle ist eine alte Industriehalle, die zu einer Konzerthalle umgebaut wurde. Sie steht im Westpark. Wie bereits frьher in meinem Tagebuch ausgefьhrt, ist der Westpark ein altes Bergwerk, das vor zirka zwei Jahren in ein Erholungsgebiet umgewandelt wurde. Auf meinem Spaziergang kam ich mit einer Familie aus dem Ruhrpot ins Gesprдch: Sie aus Wattenscheit, er aus Australien (die Namen habe ich leider vergessen). Sie erzдhlten mir ein bisschen mehr ьber den Pot. Ich glaube die meisten Menschen haben immer noch ein falsches Bild von dieser Gegend, denn die rauchenden Schlote und die russige Luft sind mittlerweile Vergangenheit. Der Frau aus Wattenscheit und dem Australier gefдllt es auf alle Fдlle im Ruhrpot. Sie sind der Meinung, dass es ihnen gut gehe und die Deutschen allzugerne jammern wьrden. Der Australier brachte es auf den Punkt: "Der Deutsche fдhrt einen Mercedes und sagt, es gehe im schlecht. Der Australier besitzt ein Fahrrad und sagt, es gehe im gut." Die Arbeitsbedingungen, so der Aussie, seien hier im Ruhrpot auf alle Fдlle besser als in Australien.

Am Samstagabend habe ich mir mit Daniel, Wolf, Astrid und einer Hand voll Marokkanern das Lдnderspiel Deutschland-Iran angekuckt. Wolf ist ein Studienfreund von Daniel. Astrid verbesserte ihr Arabisch am Institut, sie fliegt Ende Oktober nach Beirut, wo sie bei der UNO ein Praktikum absolviert. Das Spiel war miserabel, dafьr ergab sich ein interessantes Gesprдch mit einem marokkanischen Schuhmacher aus Fes. Bereits sein Vater und sein Grossvater waren Schuhmacher. Er ist im Rahmen eines Austauschprogramms nach Bochum gekommen. Aus irgend einem Grund hatte er sich in den Kopf gesetzt, Deutsch zu lernen und beherrscht es nun nahezu perkfekt. Fьr die Sprachprьfung hatte er die Schweiz als Spezialgebiet. Es war unglaublich, was er alles wusste. "Die Schweiz ist aufgeteilt in 26 Kantone; ist ein fцderalistischer Staat; hat eine Kollegialregierung, die jedes Jahr einen Prдsidenten wдhlt; das Schulsystem ist in jedem Kanton anders (was auch ein Problem ist); und so weiter. Unglaublich, der marokkanische Schuhmacher wusste mehr als mancher Schweizer.

Nach dem Spiel gabs erst einmal Nudeln mit Pilzsauce und als Dessert polnischer Bьffelgras-Vodka mit Brot und Essiggurken. Ein kleines Aufbautraining fьr Russland also. Dann stьrzten wir uns ins Nachtleben von Bochum. Schliesslich landeten wir im Riff, einer ganz passablen Disco. Um 4 Uhr morgens kam ich ins Bett, um 11 Uhr bin ich aufgestanden - noch ein bisschen schwach auf den Beinen. Der Bьffelgras-Vodka war immer noch aktiv. Leider habe ich mich gezwungen, ein Rьhrei zum Frьhstьck zu essen. Mein Magen kдmpfte schwer damit. Daniel, Wolf und ich fuhren am Nachmittag fьr einen Kater-Spaziergang nach Bochum-Stiepel an den Kemnader See . Der Kemnader See liegt zirka 7 Kilometer ausserhalb von Bochum. Am Uferverlauf war leicht zu erkennen, dass es sich um einen kьnstlichen See - wohl eine geflutete Zeche - handelt. Trotzdem hatte der See durchaus seinen Reiz: Viele Wasservцgel waren zu sehen, zudem schien die Sonne und eine frische Brise ging. Zum surfen wдre es perfekt gewesen.

Wieder zurьck in Bochum gingen wir erstmal Crepes essen. Um sieben Uhr abends machte ich mich schliesslich noch an die Hausaufgaben und daraufhin ging ich auch gleich schlafen. Auch wenn ich mich nicht gerade erhohlt habe, gilt es nun wieder Gas zu geben. Wir sind mittlerweile bei der Vergangenheit angekommen und jeden Tag kommt viel neuer Stoff hinzu.

Eins will ich auch nochmals festhalten. In meinem Beitrag vom 8.10.2004 bin ich mit den Menschen im Ruhrpot ja ein bisschen hart ins Gericht gegangen. Alles in allem sind die Leute hier aber von einem sehr angenehmen Schlag: Nett, hilfsbereit, offen, unkompliziert und selten bis nie arrogant.

Heute war ich ьbrigens mit Karsten was essen. Wie bereits erzдhlt, ist Karsten Sinologe und hat lange Zeit in China gelebt. Er hat sich bereit erklдrt, mir die weniger bekannten Seiten Chinas zu zeigen, sollte ich mich mal entschliessen, eine Reise ins Reich der Mitte zu unternehmen. China wдre sicher irgendwann eine Option, aber erstmal gehts ab nach Moskau.

8.10.2004

Im Solarium-Land: Das Wochenende ist da. Allerdings nur fast: Samstagmorgen ist noch Unterricht. Trotzdem habe ich heute ein bisschen weniger gelernt und mir in der Mittagspause dafьr die Zeit genommen, um Bochum zu erkunden. Mein Ziel war der Westpark - eine alte Zeche, die zum Natur- und Erholungspark umfunktioniert wurde. "Industrienatur" heisst das Konzept, das auch in anderen Ruhr-Stдdten umgesetzt wurde. Die alten Industrieanlagen und Bergewerke wurden nicht einfach dem Erdboden gleich gemacht, sondern renaturiert, ohne die Spuren der Zeit ganz wegzuwischen. Leider hatte ich nur die Zeit, um einen kurzen Augenschein zu nehmen. Am Wochenende werde ich mir das aber nochmals genauer anschauen.

Nach dem Unterricht machte ich mich nochmals zu Fuss auf den Weg: Ich musste noch Kassetten kaufen - gar nicht so einfach in Bochum. Auch hier sind grosse Einfkaufszentren rund um die Stadt entstanden - mit dem Resultat, dass die Fachgeschдfte in der Innenstadt zu Grunde gingen. In der Innenstadt findet man hier nun jede Menge Ramschlдden, die alles mцgliche und unnьtze anbieten - hauptsache billig. Ein Fachgeschдft das Fernseher, Stereo-Anlagen und eben auch Kassetten verkauft, ist hier in der Innenstadt nicht zu finden. Nach einer langen Suche kreuz und quer durch Bochums Gassen bin ich in einem der Ramschlдden dann trotzdem fьndig geworden. Eines sei hier deutlich gesagt: Diejenigen, die in der Schweiz das Verbandsbeschwerderecht abschaffen mцchten, sollten sich hier einmal umschauen.

Natьrlich, ich weiss, die Schweiz ist mit dem Ruhrgebiet nicht zu vergleichen. Es ist augenfдllig, dass die Menschen hier im Ruhrgebiet nicht im Geld schwimmen. Die Ramschlдden sind ein Indiz dafьr. Ein weiteres sind die Sonderangebote, mit denen die Gastrobetriebe - vom Restaurant bis zur Imbissbude - versuchen, Kunden anzulocken. Im Mexican Cafй gibts am Montag "Gambas - eat as much as you can - fьr 14.90 Euro" oder bei der Pizza-Bude "Ein Stьck Pizza, in einer Minute fьr einen Euro", usw. Trotzdem, auf bestimmten Luxus wollen die Menschen auch hier nicht verzichten: Dazu scheint die Solariumbrдune zu gehцren. Gibt es in der Innenstadt praktisch keine Fachgeschдfte mehr, sind dafьr ьberdurchschnittlich viele Brдunungsstudios auszumachen. Hier ist der Solarium-Look noch in. Solariumbraun, blondiert, Nдgel gemacht - das Talk-Show-Personal gibt es hier im Ьberfluss. Wer sich manchmal wundert, woher die Fernsehanstalten immer wieder ihre Talk-Show-Gдste nehmen, den wundert hier gar nichts mehr.

Allerdings: Auch wenn hier alles ein bisschen heruntergekommen und provinziell wirkt; die Menschen sind alle sehr hilfsbereit und freundlich.

7.10.2004

Es ist 21:40. Heute habe ich aber nicht soviel gelernt. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem mein Hirn nicht mehr soviel aufsaugen kann: Der Schwamm ist vollgesogen. Ich bin reif fьr eine schцpferische Pause. Trotzdem werde ich mich heute Abend nochmals hinter die Bьcher machen. Heute Abend bin ich mit Daniel essen gegangen. Er ist bereits fortgeschritten (Oberstufe B), hat eine Freundin in St.Petersburg und wird Anfang November ein Praktikum in St. Petersburg bei der Deutschen Aussenhandelskammer beginnen. Er hat dieselbe Wellenlдnge wie ich, auch wenn er an der Uni St.Gallen BWL studiert hat. Seine Diplomarbeit hat er ьber die Privatisierungsprozesse in Russland geschrieben, wobei er den Schwerpunkt vor allem auf das Wechselspiel zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten gelegt hat. Ich werde mir sein Werk in den nдchsten Tagen vornehmen und wenn ich mein Notebook endlich internet-tauglich gemacht habe, wird seine Arbeit auch auf meiner Homepage zu finden sein. Ich glaube ich werde Daniel bestimmt in Russland wieder sehen. Ich bin wirklich froh, ihn kennen gelernt zu haben. Selbstverstдndlich sind wir auch ein bisschen ins Philosophieren gekommen. Die Quintessenz: Folge immer Deinem Herzen und Du wirst am Ende dort sein, wo es Dir gefдllt, auch wenn Du das am Anfang gar nicht geplant hast.

Am Samstag kommt ein alter Studienfreund von Daniel aus St.Gallen auf Besuch, der Bochum bereits ein bisschen kennt. Selbstverstдndlich werden wir uns dann Bochum by Night ein bisschen besser anschauen. Bis am Wochenende gilt es aber noch Vollgas zu geben und Russisch zu pauken: Wir sind inzwischen bei den Verben und ihrer Konjugation angekommen. Das Konjugieren ist relativ einfach, aber die Verben haben herzlich wenig mit lateinischen Verben zu tun.

6.10.2004

Es ist kurz vor 22:00 Uhr. Ich bin bis jetzt vor meinen Russischbьchern gesessen. In meinem Kopf hat zurzeit kaum was anderes Platz. Trotzdem schreibe ich noch einen kurzen Tabebucheintrag. Russisch ist definitiv ein schwierige Sprache, aber ich merke bereits, dass sich gewisse Dinge bereits gefestigt haben. Ermutigend war der Hinweis unseres Lehrers - Dr. Leo Weschmann - dass das Russische nur eine Vergangenheitsform und nur eine Zukunftsform kennt. Dafьr gibts jedoch 6 Fдlle. Auch fьrs Russische gilt: Kommt Zeit, kommt Sprache - vorausgesetzt man bьffelt hart. Auf alle Fдlle macht das ganze Spass und ist eine spannende Herausforderung. Zudem sind viele meiner Mitschьler sehr interessante Menschen: Mittlerweile konnte ich auch mit Karsten, dem Sinologen, ein paar Worte wechseln. Er hat geschдftlich mit China zu tun (Import-Export) und hat auch viele Jahre im Reich der Mitte gelebt. Harald, der gerade aus Afghanistan zurьck ist, bereitet sich gerade auf Duschanbe vor. Allein die beiden wissen viel zu erzдhlen. Leider gehцren sie eher zu den verschlosseneren Typen unserer Klasse. Michael erzдhlt hingegen viel und gerne. Er ist ein starker Raucher und heute hatte ich den Verdacht, dass er auch mal gerne einen zuviel ьber den Durst trinkt. Die Geschichten, die erzдhlt, hцren sich ebenso interessant wie abenteuerlich an: Er ist im Stahlhandel tдtig. Dieser soll sich irgendwo zwischen Nigeria, Ukraine, China und Russland abhandeln. Neben dem Stahl hat Michael aber noch andere Eisen im Feuer, aber es ist schwierig genau durchzublicken. Er ist ein Hans Dampf in allen Gassen, der nicht einfach einzuschдtzen ist.

Genug gelдstert. Alles in allem sind wir eine interessante Klasse. Und es ist irgendwie schade, dass vor lauter Bьffeln nicht mehr viel Zeit fьr den zwisschenmenschlichen Austausch ьbrig bleibt.

5.10.2004

Ich habe dreimal 90 Minuten Russischunterricht und zirka 3 Stunden Selbststudium hinter mir. Soviel Stoff muss erst einmal verarbeitet werden. Sehr viel muss ich einfach auswendig lernen: Repetieren, repetieren, bis es irgendwann vom Kurz- ins Langzeitgedдchtnis verfrachtet wird. Ich wьrde gerne etwas auf Russisch ins Tagebuch schreiben, aber im Gegensatz zu mir hat dieser Computer keine Ahnung von kyrillischer Schrift.

Auch am zweiten Tag ging es hauptsдchlich um die "Begrьssung" und die "Verabschiedung". Wir sind 7 Personen in der Klasse: 6 Mдnner und eine Frau. Ich gehцre eher zu den Jьngeren. Michael ist bereits grauhaarig und wohl bereits ьber 60 Jahre alt. Soviel ich weiss hat er in Weissrussland (oder auch Ukraine?) geschдftlich zu tun. Er besitzt auf alle Fдlle bereits ein kleines Grundwissen, von dem er immer wieder gerne eine Kostprobe gibt, um etwas Eindruck zu schinden. Aber sonst ist er ganz nett, auch wenn es bei ihm mit der Aussprache etwas happert. Mьhe mit der Aussprache hat auch Jeannin. Sie kann einfach das R nicht rollen. Das hemmt sie. Auch sie hat bereits ein kleines Vorwissen, besonders was die Grammatik betrifft. Von Zeit zu Zeit versucht sie mit diesem Wissen Eindruck zu schinden, indem sie irgendwelche grammatikalischen Fragen gespickt mit Fremdwцrtern vorbringt, die der Lehrer zu kennen scheint, uns allerdings Chinesisch vorkommen. Von Axel habe ich ja bereits gestern was geschrieben. Er ist voll okey. Als Ingenieur fдllt ihm das Sprachenlernen schwer. Das gilt auch fьr Harald Hesse, ein grosser, bauchiger Allemanne aus Hannover. Er arbeitet fьr den Deutschen Entwicklungsdienst und kam gerade aus Afghanistan zurьck. Leider hatte ich noch keine Zeit, Ihn ьber seine Erlebnisse in Afghanistan auszufragen. Joachim arbeitet fьr das Auswдrtige Amt. Aber nicht als Diplomat, sondern in der Finanzabteilung oder so. Und dann ist da noch Karsten, der aus reiner Lust Russisch lernt. Auch er ist bauchig, aber klein gewachsen und ein eher stiller Zeitgenosse. Karsten scheint sehr schnell zu lernen. Allerdings werde ich den Verdacht nicht los, dass er - obwohl er dies verneint - bereits Vorkenntnisse hatte.

Ich mach jetzt Schluss. In einer halben Stunde werde ich noch ein paar vom Kurs treffen, um eins trinken zu gehen. Vor dem Schlafengehen werde ich aber bestimmt nochmal ein Ohr von der Russisch-CD nehmen.

4.10.2004

Russisch fьr Anfдnger, 1. Tag: Ich habe es immer noch nicht geschafft, mein Notebook fьrs Internet fit zu kriegen, obwohl ich bereits rund 10 Euro in Stecker und Adapter gesteckt habe. Ich hoffe aber, dass ich morgen mein Tagebuch von meinem Zimmer aus im Lдnderspracheninstitut fьttern kann. So sitze ich eben wieder hier im selben dьsteren, lдrmigen, aber billigen Internet-Cafй wie gestern - irgendwo in Bochum. Seit gestern (3.10.2004) bin ich nun in Bochum - im Ruhrpot. Wie ьblich, wenn ich in einer mir unbekannten Stadt ankomme, machte ich mich erst einmal auf zu einem ausgiebigen Erkundungsspaziergang kreuz und quer durch Bochums Strassen. Die Amis mцgen Weltmeister im Fastfood sein, aber die Deutschen stehen ihnen in fast Nichts nach: Bochum ist ьbersддt von Dцnern, Pizza-Stuben, Back-Stuben, Grill-Hдusern und so weiter - ohne Ende. Anderseits herrscht hier auch ein Hauch von Ost: Graue Fassaden, brцckelnder Beton und leere Industrieanlagen. Ich bin schliesslich in der "Sachs Bar" gelandet, in der ich mir das Ruhr-Derby Schalke-Bochum auf Grossleinwand, begleitet von einem "Club Sachs Sanwich" und zwei kьhlen Pils gegцnnt habe. Die Bar war "packed" - mehrheitlich mit fussballverьckten Mдnnern. Es war ein packendes Spiel und dementsprechend war auch die Stimmung nahe dem Siedepunkt: Keine Szene blieb unkommentiert, Fehlentscheidungen des Schiedsrichters wurden mit Pfiffen begleitet und die eigene Mannschaft mit Sprechchцren angefeuert. Hier wird Fussball gelebt.

Aber Fussball bei Seite: In den Tagen vor meiner Abreise nach Bochum hatte ich immer wieder Zweifel, ob alles so richtig ist, wie ich es mir vorgenommen hatte. Aber als der Zug endlich ins Rollen kam, verflogen diese Unsicherheiten mit jedem Kilometer mehr und mehr. Allein die Zugfahrt am Rhein entlang war es wert. Es ist eine wunderschцne Gegend, die obwohl sie so nahe liegt, ich noch nie gesehen hatte. Und wдhrend ich so im "Lonely Planet" ьber Russland las, wurde mir bewusst, dass mir in den nдchsten Monaten bestimmt einige einmalige Erlebnisse bevorstehen werden. Die Abenteuerlust hat endgьltig ьber die Unsicherheiten, Zweifel und Дngste vor dem Ungewissen gesiegt. Ich bin froh, unterwegs zu sein.

Sonst hдtte ich wohl Axel nie getroffen, mit dem ich erst eben ein Bier getrunken habe. Axel hat an der ETH seine Diplomarbeit geschrieben. Um sich als Ingenieur fьr einen attraktiven Job zu empfehlen, hat er sich entschlossen, Russisch zu lernen. Er hat mir auch eine Idee gegeben fьr einen Artikel, die ich hier natьrlich nicht verraten mцchte. Die Frage ist nur, wann ich Zeit haben werde, um diese Idee umzusetzen. Schau mer mal. Das Bier haben wir uns auf alle Fдlle verdient: Zweimal 90 Minuten Russischunterricht hatten wir hinter uns und dazu noch eine Stunde Selbststudium. Ich werde gleich nochmals vor dem Schlafengehen das Alphabet und die ersten Dialoge durchgehen: "Hallo! Wie heissen Sie? Lassen Sie uns bekannt machen. Woher kommen Sie?" - alles auf Russisch. Ьbrigens sagen die Russen (wцrtlich ьbersetzt) nicht "Ich heisse Christian" sondern "Mich nennen sie Christian".

3.10.2004

Reise nach Bochum: Leider hat der Typ im Internet-Cafй den falschen Knopf gedrьckt und mein ganzer Tagebucheintrag ging verloren. Ich habe jetzt keine Lust mehr, alles nochmals aufzuschreiben. Ich werde das ganze morgen (4.10.2004) niederschreiben und in regelmдssigen Abstдnden auf "Save" drьcken.

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