ãDas letzte Imperium musste verschwindenÒ

Vor 20 Jahren fiel die Berliner Mauer Ð Gorbatschows Berater Anatoli Tschernjajew hatte den Tag lange erwartet

 

Der Mauerfall und das Ende des Kalten Krieges wurden 1989 durch die Reformpolitik von Michail Gorbatschow ermšglicht. Anatoli Tschernjajew hatte den letzten sowjetischen GeneralsekretŠr dabei aussenpolitisch beraten. Im Interview blickt er nochmals zurŸck und gibt dem russischen PrŠsidenten Tipps auf den Weg.

 

Christian Weisflog

 

Ein helles BŸrogebŠude am Leningradskij Prospekt. Hier in der Gorbatschow-Stiftung arbeitet Anatolij Tschernjajew auch mit 88 Jahren noch an einem neuen Buch. Fast tŠglich, wenn es die Gesundheit erlaubt. Der kleine Mann mit dem kritischen Blick ist einer der wichtigsten Zeitzeugen der Perestrojka-Jahre, doch šffentliche Auftritte mag er nicht: ãMein Platz in der Politik ist hinter den KulissenÒ, schrieb der aussenpolitische Berater des letzten sowjetischen GeneralsekretŠrs bereits 1989. Vor zwei Jahren hatte Tschernjajew eigentlich entschieden, keine Interviews mehr zu geben. Nun aber machte er doch noch eine Ausnahme.

 

Die Mauer werde auch in 100 Jahren noch stehen,  sagte DDR-Staatschef Erich Honecker noch im Januar 1989. Wann war fŸr Sie klar, dass sie fallen wird?

Lange bevor ich fŸr Michail Gorbatschow gearbeitet habe. Als ich fŸr die Internationale Abteilung des Zentral Komitees tŠtig war, studierte ich Ost- und Westdeutschland. Ich weilte viele Male in Westberlin, den RheinstŠdten, Bayern und so weiter. Ich verstand, dass diese Nation nicht lange geteilt bleiben konnte und die neuen Generationen nicht fŸr das zu verantworten waren, was ihre VŠter getan hatten. Meine Mutter wuchs vor der Revolution in einer deutschen Familie auf. Sie versuchte mir diese Gepflogenheiten weiter zu geben. Ich war mit der deutschen Literatur und der Geschichte vertraut. Ausserdem kannte ich viele Leute aus der DDR, vor allem aus dem ZK-Apparat. Ich sah, dass sie auch - ungeachtet des Regimes, der Disziplin und der Angst vor Honecker und seinem Umfeld Ð im Inneren Ÿberzeugt waren, dass es keine sozialistische Vereinigung Deutschlands geben wird, sondern eine normale, nationale Vereinigung.

 

 Und als die Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November fiel. Erinnern sie sich noch, wie sie davon erfahren haben?

Ich erfuhr es morgens Ÿbers Radio. Ich machte gerade meine TurnŸbungen. Mich hat das Ÿberhaupt nicht Ÿberrascht. Nach Gorbatschows Besuch zum 40-jŠhrigen Bestehen der DDR war klar, dass die letzten Tage des Regimes angebrochen waren. Als ich an meinem Arbeitsplatz ankam, wurde darŸber gesprochen, aber es war keinesfalls ein Schock. Das PolitbŸro sah sich nicht einmal veranlasst, sich zu einer Sondersitzung zu treffen. Die vor allem von KGB-Mitarbeitern verbreitete Behauptung, das PolitbŸro in Moskau sei schockiert gewesen, ist všlliger Unsinn. Die Nachricht wurde sehr ruhig aufgenommen, obwohl man sich bewusst war, dass dies fŸr uns kŸnftig eine schwierige Situation bedeutet.

 

In ihrem Tagebuch schrieben Sie damals, Gorbatschow habe es der Geschichte erlaubt, ihren natŸrlichen Gang zu nehmen. Aber haben nicht auch persšnliche Beziehungen eine wichtige Rolle gespielt? Sie zum Beispiel waren ja ein grosser Fan von Margret Thatcher.

Eine wichtige Rolle spielte die Beziehung zwischen dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl und Gorbatschow. Sie entwickelte sich hin zu einem gegenseitigen freundschaftlichen VerstŠndnis. Gorbatschow vertraute Kohl. Was Thatcher betrifft, so hatte meine Beziehung zu ihr keine politische Bedeutung. Ich bewundere sie einfach, als schšne und sehr intelligente Frau und StaatsfŸhrerin. Sie stand der Vereinigung allerdings sehr skeptisch gegenŸber. Thatcher wollte kein stŠrkeres Deutschland, das ihr in der europŠischen Politik Widerstand leisten kšnnte. Ausserdem existiert in England ein historisches Misstrauen gegenŸber den Deutschen. Das hat mich Ÿberrascht.

 

Warum?

Die Russen mussten im Zweiten Weltkrieg noch gršssere Opfer bringen als die EnglŠnder und trotzdem fanden sie sich frŸher mit der Vereinigung ab. Der franzšsische PrŠsident Franois Mitterand war ebenfalls skeptisch. Aber Thatcher und Mitterand verstanden, dass die Vereinigung unausweichlich war und leisteten deshalb keinen Widerstand. Auch Gorbatschow war klar, dass er den zukŸnftigen Beziehungen zu Deutschland schaden wŸrde, sollte er zu sehr auf die Bremse treten. Er arbeitete fŸr die Zukunft. Und tatsŠchlich, wenn die UdSSR bis heute Bestand gehabt hŠtte, wŸrde die Beziehung Berlin-Moskau als demokratisch-friedfertige Achse eine enorme Rolle spielen.

 

Und wie beurteilen Sie heute den Beitrag der USA?

Gorbatschows Beziehung zu George Bush Senior war natŸrlich von grosser Wichtigkeit. Zu Vor dem Mauerfall hielten sich die Amerikaner aber zunŠchst zurŸck. Sie nahmen die Bedeutung der Transformationsprozesse in Osteuropa nur langsam war. Dann aber realisierten sie, dass Gorbatschow allen Ruhm und Dankbarkeit fŸr die Wende ernten wŸrde, wenn sie sich nicht beteiligten. Bush klinkte sich ein und trieb Kohl dann sogar an, vorwŠrts zu machen. Und Gorbatschow verstand, dass man sich dem Willen des Volkes nicht entgegen stellen kann. Das widersprach seiner MentalitŠt, dem ãneuen DenkenÒ und seiner ganzen Politik.

 

War die Vereinigung auch der Anfang vom Ende der Sowjetunion?

Nur in sehr weitem Sinne. 1989 waren bei uns bereits solche Zerfallsprozesse im Gang, auf welche die Šusseren UmstŠnde nur einen minimalen Einfluss hatten. Dass die Sowjetunion unterging, ist das Resultat eines objektiven historischen Prozesses. Das letzte Imperium musste verschwinden. Es existierte bereits wider den globalen und nationalen Zeitgeist. NatŸrlich hŠtte die UdSSR nicht so schŠndlich zu Ende gehen kšnnen, wie es letztlich geschah. Sie hŠtte sich vielleicht wirklich in eine sehr liberale Konfšderation verwandeln kšnnen. Aber als Zentralstaat konnte die Sowjetunion nicht weiter bestehen.

 

Gibt es Momente, in denen sie 1989 selbst den Lauf der Weltgeschichte beeinflussen konnten?

Alle die †bertreibungen, dass ich oder etwa auch Aussenminister Eduard Schewardnadse eine entscheidende Rolle bei der Beendigung des Kalten Krieges gespielt hŠtten, ist alles dummes Zeug. SŠmtliche Ideen und Anstrengungen gingen von Gorbatschow aus. Ich habe an der Formulierung bestimmter Ideen und der PrŠzisierung von Texten teilgenommen. Sicher, zum Beispiel bei den Fragen der nuklearen AbrŸstung und der Vereinigung Deutschlands habe ich eine sehr klare Stellung bezogen. Immer wenn an diesen demokratischen Prozessen Zweifel laut wurden, bin ich sehr entschieden dagegen aufgetreten. Wie stark dies Gorbatschow beeinflusste, ist schwer zu sagen. Im Allgemeinen jedoch waren meine Ansichten im Einklang mit seinen Gedanken und WŸnschen. Aber weil seine Verantwortung millionenfach gršsser war als meine, konnte ich mir erlauben, zu sagen, was ich wollte. Er hingegen traf die Entscheidung in der Verantwortung vor dem Land, vor der Partei und seinen Kollegen im PolitbŸro.

 

Sie schrieben 1989 nicht nur einmal, dass die Mehrheit des Zentralkomitees und des PolitbŸros gegen die Perestroika war und Gorbatschow die wichtigsten Machthebel verloren hat. Wie erklŠren sie heute, dass solche Leute wie sie in diesem totalitŠren System an die Spitze kamen?

Das Paradoxon besteht darin, dass der sowjetische Staat einerseits kritische Literatur unterdrŸckte. Andererseits aber entschied er, die Werte der grossen russischen Klassiker aus dem 19. Jahrhundert im Schulunterricht weiterzugeben. So erzog er die Leute zu hohen menschlichen QualitŠten: Mut, Treue, Freundschaft, Liebe.

 

Das Regime schaufelte sich also sein eigenes Grab?

Nach dem 20. Parteitag 1956, als Nikita Chruschtschow die stalinistischen Verbrechen erstmals anprangerte, entstand ein inneres GefŸhl, dass es so nicht weitergehen darf. Bereits in den 60er Jahren fingen die Journalisten an, eine kritische Position zu beziehen. In den 70er Jahren finden sie nicht ein Werk, das die fŸhrende Rolle der Partei gepriesen hŠtte. Auf diesem NŠhrboden wuchs Gorbatschow heran. FŸr mich ist das PhŠnomen Gorbatschow Ÿberhaupt kein RŠtsel. Es ist die Geburt eines intelligenten Menschen aus dem Volk. Einmal wurde Gorbatschow von einem Journalisten gefragt, was die Sowjetunion zusammenbrechen liess. Er dachte keine Sekunde nach und sagte: die Kultur. Sie war mit dem Regime nicht vereinbar.

 

Von dieser Kultur ist heute allerdings wenig zu spŸren. Der Fall der Berliner Mauer ist in Russland kein grosses Thema. Warum?

Die aktuelle FŸhrung kann Gorbatschows Verdienste nicht anerkennen. Sie kann nicht eingestehen, dass der Beginn der Freiheit und Demokratie unter Gorbatschow eingesetzt hat. Die heutigen Herrscher versuchen dies Boris Jelzin zuzuschreiben, der Gorbatschow hasste. Gleichzeitig wird der 9. Mai, der Siegestag im Zweiten Weltkrieg, mit grossen Paraden gefeiert. Er ist ein Mittel, um den Patriotismus zu nŠhren. Denn sonst gibt es nichts, fŸr was man sich rŸhmen kšnnte.

 

 Sie mšchten ein demokratisches Russland. Andererseits haben Sie auch einmal geschrieben, dass das russische Volk nur mit harter Hand zur Ordnung gebracht werden kšnne.

Ja, das habe ich in meinem Tagebuch geschrieben, in dem ich allerdings vor der Veršffentlichung keine Korrekturen angebracht habe. Aber ja, unser Volk ist an die Knute einer absolutistischen Herrschaft gewšhnt. Seit Iwan III. besteht ein imperialistisches Bewusstsein. Als Alexander II. die Bauern von der Leibeigenschaft befreit hatte, waren diese nicht zufrieden. Was sollen wir ohne Gutsbesitzer, ohne VŠterchen Zar?, fragten sie. In unserer MentalitŠt ist dies verankert: Einerseits das anarchische, chaotische und zerstšrerische sowie andererseits ein sklavischer Servilismus. Viele denken daher heute, Gorbatschow hŠtte šfter eine Division schicken und alle verhaften lassen sollen.

 

Auch Sie haben in Ihrem Tagebuch 1989 von Gorbatschow ein hŠrteres Durchgreifen gefordert.

Ja, aber das hŠtte die Situation nicht gerettet. Ich habe gesehen wie alles zerfŠllt. Das war natŸrlich eine emotionale Reaktion.

 

Sie wŸnschten sich vor 20 Jahren, dass Russland ãein normales LandÒ werde. Wie weit ist Russland heute von diesem Ziel entfernt und was wŸrden sie heute einem PrŠsidenten raten, um dieses zu erreichen?

Ich wŸrde in erster Linie raten, sich vom Grossmachtanspruch zu verabschieden. Russland war ein Imperium, aber jetzt verfŸgt es Ÿber keinerlei Ressourcen. Auf …l und Gas lŠsst sich heute keine Supermacht bauen. Nun, da Russland ein Prozent der weltweiten Wirtschaftskraft stellt, ein Grossmachtstatus zu beanstanden, ist einfach lŠcherlich. Nur weil wir Ÿber Atombomben verfŸgen und unser Land sich Ÿber elf Zeitzonen erstreckt, sollten wir uns nicht fŸr eine Grossmacht halten. Wir mŸssen uns in die internationale Gemeinschaft einfŸgen und die Verantwortung fŸr den Teil der globalen Herausforderungen Ÿbernehmen, den wir meistern kšnnen.

 

Kritiker fŸrchten jedoch einen weiteren territorialen Zerfall, sollte Russland eine echte Demokratie werden.

Na und. Der tschetschenische PrŠsident Ramsan Kadyrow kŠmpfte frŸher mit der Waffe gegen Russland. Jetzt hat er verstanden, dass er ohne Russland nichts erreichen kann. Wenn jemand aus Russland austreten mšchte Ð nur zu. Mit Gewalt soll man niemanden zurŸckhalten. Ich bin Ÿberzeugt, dass in der momentanen Situation kaum jemand den russischen Staat verlassen mšchte. Das Traurige fŸr mich aber ist, dass die Kultur zu Grunde geht. Die Kultur, die das totalitŠre Regime gestŸrzt hat. Dieses Erbe verschwindet genau wie die Intelligenzija. Es bleiben Ð wie Alexander Solschenizyn schrieb - die Gebildeten. Gebildete Leute gibt es bei uns sehr viele, aber intelligente Leute verbleiben nur noch ganz wenige.

 

Sind Sie also eher optimistisch oder pessimistisch?

Pessimistisch natŸrlich. Ich bin sehr skeptisch. Ich sehe keine Mšglichkeiten, weder menschliche noch technologische, damit sich Russland in Ÿberschaubarer Zukunft in einen normalen Staat verwandeln kšnnte.

 

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Zur Person:

 

Anatolij Sergejewitsch Tschernjajew wurde 1921 in Moskau geboren. Im Alter von 20 Jahren musste er sein Geschichtsstudium an der Staatlichen UniversitŠt Moskau (MGU) unterbrechen und 1941 in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Nach Beendigung des Studiums lehrte der promovierte Historiker an der MGU moderne Geschichte. 1961 trat er als Referent in die Internationale Abteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei ein, wo er bis zum stellvertretenden Leiter aufsteigen sollte. Zwischen 1986 und 1991 war Tschernjajew aussenpolitischer Berater des letzten sowjetischen GeneralsekretŠrs Michail Gorbatschow und Mitglied des Zentralkomitees. Seit Beginn der 70er Jahre, als er Zugang zu den hšchsten Parteikreisen erhielt, fŸhrte Tschernjajew Tagebuch. Diese einzigartigen Aufzeichnungen bilden die Grundlage fŸr viele seiner heutigen Publikationen und sind auch fŸr auslŠndische Historiker ein unschŠtzbarer Fundus. Als Mitarbeiter der Gorbatschow-Stiftung arbeitet Tschernjajew zurzeit an einem Buch zur Aussenpolitik der Perestrojka.